2009-04-10

Der Text der Zukunft I: Die Vergangenheit

Die Ausformung neuer digitaler wissenschaftlicher Kommunikations- und Publikationsformen – manche nennen es Science 2.0 – ist in vollem Gange. In zunehmendem Maße benutzen Akademiker Wikis, Blogs, kollaborative Quellenverwaltungsanwendungen und ähnliches. Prognosen sind schwierig darüber, wie Wissenschaftler in zwanzig Jahren Theorien und Experimente entwickeln, Ergebnisse veröffentlichen und diskutieren werden.

Ich möchte hier die Frage behandeln, wie sich im Zuge der Entwicklung neuer Publikations- und Kommunikationswerkzeuge unser Begriff von (geistes)wissenschaftlichen Texten verändern kann und wird [1]: Welcher Begriff von „Text“ herrschte in der Vergangenheit vor und wie wird die Zukunft aussehen? Welche Auswirkungen hat der Medienwechsel vom Papier zum Bit auf die Konstitution von Textidentitäten?
Ich beginne mit der Vergangenheit und behandle in diesem ersten Teil das Zeitalter der Druckpresse. Im zweiten Teil werde ich schließlich die Möglichkeiten des Bitzeitalters ausloten.

Das Papierzeitalter

Ich werde also über das Papierzeitalter, über die gegenwärtige, noch nicht vergangene Vergangenheit sprechen. Vier grundlegende Eigenschaften dieses Zeitalters werde ich herausstellen: seine Verwurzelung in einer Welt der Gegenstände, seine Intertextualität, die Rolle des Lesers als Konsument sowie die Ablösung des Textes von seiner Geschichtlichkeit.
Werke sind Gegenstände
Die uns vertrauten Publikationsformen des Papierzeitalters lassen uns glauben, der wissenschaftliche Text sei ein Ding, welches uns als eine Menge von Seiten klar vor Augen liegt. Schließlich haben wir es beim Buch mit einer abgegrenzten körperlichen Einheit zu tun, es ist ein Gegenstand, der uns auf dem Kopf fallen kann und dessen Elemente (Seiten) wir zählen können. In einer atomisierten Welt, in der sich einzelne Bücher klar unterscheiden lassen, vermitteln uns diese monolithischen Publikationsformen leicht den Eindruck als wüssten wir genau, was ein Text ist, was seine Identität ausmacht. Die Praktiken bei der ISBN-Vergabe und der Katalogisierung spiegeln diese Auffassung von Textidentität wider und verstärken sie gleichzeitig: Eine ISBN bekommen Bücher und katalogisiert werden Monographien und Zeitschriften, meist aber keine Aufsätze. [2] Kurz: In einer Welt, in der Texte in der Regel auf gebundenem Papier daherkommen, ist auch unser Konzept der Textidentität stark von dieser medialen Erscheinungsform geprägt.
Verwobensein
Allerdings hat sich bereits im Papierzeitalter gezeigt, dass jeder Begriff von Textidentität, der sich auf dem Paradigma der Druckpublikationen gründet, ein stark verkürzter ist und unsere Auffassung davon, was ein Text ist, in die Irre führt. Die bis in die 60er Jahre zurückgehende Intertextualitätsforschung baut auf der Vorstellung auf, dass ein Text seine Identität nicht aus sich selbst heraus, sondern vielmehr durch die Stellung, die er in der Literatur einnimmt, erhält. „Literatur“ hier im Sinne des endlos gesponnenen Textgewebes aus wissenschaftlichen, philosophischen, prosaischen, lyrischen und anderen Texten, das ein grundlegender Pfeiler unserer Kultur ist. Die Identität eines Textes wird eben dadurch bestimmt, dass er Teil der Literatur ist und somit ein Stein im Spiel der Intertextualität. Jeder Text erhält seine Bedeutung und seinen Wert durch seine Relationen zu anderen Texten – seien dies Texte, an die er (explizit oder implizit) anknüpft, auf die er verweist oder Texte, die ihrerseits an ihn anknüpfen. Augenfällig wird die Intertextualität etwa in Zitaten und Verweisen, ein großer Teil der Verknüpfungen zwischen Texten bleibt aber implizit.
Der Leser als Konsument
Jede Verknüpfung schafft Erkenntnis. Die Intertextualitätsforschung stimmt mit Theoretikern wie Nelson Goodman, Jacques Derrida oder Ludwig Jäger in der Annahme überein, dass sich sämtliche Erkenntnis immer in der Verknüpfung mit und Verformung von Bestehendem vollzieht und somit alles Wissen je Produkt von Anknüpfungs- und Transformationshandlungen ist.
Ein Merkmal des Papierzeitalters ist, dass ein großer Teil dieser Verknüpfungs- und somit Erkenntnisarbeit privat und weitestgehend unerkannt stattfindet. Ich spreche von Prozessen, die beim Lesen von Texten stattfinden. Ich spreche von der Produktivität des Rezipienten, die sich in Handlungen wie dem Unterstreichen, dem Verweisen auf Bekanntes, dem Hervorheben relevanter neuer Anknüpfungspunkte zeigt. Diese produktiven Prozesse gehen meist in den Notizen des Lesers oder am Rande der Buchseiten verloren. Allein wenn der Leser selbst zum Produzenten wird und ein Werk veröffentlicht, werden seine kreativen Verknüpfungen für andere zugänglich und nachvollziehbar. Die Publikationsschwelle im Papierzeitalter liegt aber bekanntlich sehr hoch.
Werke ohne Geschichte
Nicht nur die so kostbaren Anmerkungen und Verknüpfungen der Leser gehen im Papierzeitalter systematisch verloren. Durch das papierbasierte Publizieren werden Texte zudem ihrer Geschichtlichkeit beraubt, weil sie in der Regel über ihre Genese keine Auskunft geben. Ein wissenschaftlicher Text im Papierzeitalter ist nicht mehr als eine Momentaufnahme, die von ihrer Entstehungsgeschichte nichts preisgibt. Die verschiedenen Überlegungen und Erkundungen, die beschrittenen Sackgassen und Holzwege, die ihren Ausdruck etwa im Wurf in den Papierkorb, in Durchstreichungen/Löschungen, Einschüben usw. finden, sind dem Endprodukt selbst nicht anzusehen. Auch – die für den Erkenntnisfortschritt so wichtigen – Gespräche und Korrespondenzen mit Kollegen und Freunden, die im Laufe der Textproduktion stattfinden, lassen sich dem Endprodukt nicht ablesen, meist finden sie nur kurze Erwähnung im Vorwort. Ist aber sein Verfasstsein, die Geschichte seiner Entstehung, nicht unzweifelhaft eine wichtiger Aspekt jeder Textidentität?
Und die Zukunft?
Im zweiten Teil von “Der Text der Zukunft“ werde ich mich dann mit der Zukunft, d.h. mit den Möglichkeiten des Bitzeitalters befassen. Ich werde erläutern, wie die Struktur der Literatur durch die elektronische Textproduktion, -publikation und -rezeption offen zu Tage gefördert werden kann, wie der Text in seiner elektronischen Form zu sich selbst finden kann und das Papierzeitalter schließlich im Bitzeitalter aufgehoben wird.


[1] Meine Überlegungen beziehen sich in erster Linie auf sogenannte Textwissenschaften (Literaturwissenschaften, Textlinguistik, Rechtswissenschaft, Theologie, Philosophie usw.). Ich bin mit der Publikations- wie Anschlusspraxis und den Textarten in anderen wissenschaftlichen Disziplinen schlichtweg nicht vertraut und mir ist unklar, inwieweit sich die Reflexionen auf andere Wissenschaftszweige übertragen lassen.
[2] Das Papierzeitalter trägt seine Widersprüche mitunter offen zur Schau. Betrachten wir etwa den Status eines Artikels in einem Sammelband oder in einer Zeitschrift. Ein solcher Artikel hat einen Zwitterstatus, er gilt als „unselbständiges Werk“ – eine contradictio in adiecto, die darauf basiert, dass ein Artikel zwar durchaus eine abgegrenzte Einheit ist, die einen Titel hat und einem Autor zugewiesen wird, der Text aber, weil es ihm an einem eigenen Einband mangelt, eben nicht selbst stehen kann.

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