2009-04-14

Ein Weckruf

von Peter Mayr Adrian Pohl
[Diese Rezension ist ein Gemeinschaftsprodukt von Peter Mayr (Blog, Twitter) und mir. Wir haben sie im Rahmen des MALIS an der FH Köln verfasst.]

Transformational Times: An Environmental Scan Prepared for the ARL Strategic Plan Review Task Force. (2009). (S. 24). Association of Research Libraries. Abgerufen April 3, 2009, von http://www.arl.org/bm~doc/transformational-times.pdf.

Das Papier
Mit "Transformational Times" legt die Association of Research Libraries (ARL) eine zukunftsweisende Studie vor, die an Deutlichkeit nicht zu wünschen übrig lässt. Das als "environmental scan" bezeichnete Papier zeichnet ein grobes Bild der zukünftigen Entwicklungen in Forschung, Wissenschaft, Politik und Recht, an denen sich wissenschaftliche Bibliotheken zu orientieren haben. Der Weckruf kommt von einer kraftvollen Organisation, deren Stimme in Bibliothekswesen und -politik Nordmerikas einiges Gewicht hat. Die Association of Research Libraries ist eine Vereinigung von großen Forschungsbibliotheken in den USA und Kanada. Ein annäherungsweise vergleichbarer Zusammenschluss in Deutschland ist die Arbeitsgemeinschaft der Spezialbibliotheken (ASPB), deren Mitlieder allerdings aus einem breiteren Spektrum von Bibliotheken stammen.
"Transformational Times" dient als Grundlage für eine Neuausrichtung der ARL-Strategie, auf deren Basis schließlich die Prioritäten und Aktivitäten für die kommenden Jahre festgelegt werden sollen. Der "environmental scan" betrachtet die Entwicklung der Umwelt wissenschaftlicher Bibliotheken und unterscheidet hierzu drei Bereiche, denen jeweils ein Kapitel gewidmet wird:
  1. Die Verfahren der Kommunikation und Publikation in den Wissenschaften
  2. Die Auswirkungen von Politik und Gesetzgebung auf die Bibliothekswelt (auf USA & Kanada beschränkt)
  3. Die Rolle der Bibliothek beim Forschen, Lernen und Lehren
Besonders interessant sind die Punkte 1 und 3, weil sich hier größere Parallelen zur Entwicklung in Europa finden.
Bevor die einzelnen Kapitel näher betrachtet werden, hier einige Schlüsseltrends, die sich herauskristallisieren:
  • Bibliotheken müssen die Abläufe zur Verwaltung traditioneller Inhalte verändern und neue Fähigkeiten für den Umgang mit neuen Typen von digitalen Materialien und neuen (digitalen) Formen von Lehre, Lernmitteln, Spezialbeständen und Forschungsdaten entwickeln.
  • Die widerstreitende Entwicklung von immer restriktiveren geistigen Eigentumsrechten auf der einen und Open-Access-Modellen auf der anderen Seite wird sich verstärken.
  • Öffentliche Einrichtungen müssen in zunehmenden Maße eigene Erfolge gegenüber Unterhaltsträgern durch Zahlen belegen.
  • Neue kooperative Herangehensweisen an traditionelle und neue Praktiken sind gefragt.
  • Bibliotheken müssen Veränderungen ihrer Organisationsstrukturen und Dienstleistungen vornehmen und dafür heterogeneres Personal einstellen.
  • Der kontinuierliche starke Wandel in den Forschungs- und Lehrmethoden führt zu neuartigen Beziehungen zu den BibliotheksnutzerInnen.

Die Inhalte

Hier nun eine kurze Wiedergabe der wichtigsten Punkte in den einzelnen Abschnitten.

"Trends in Scholarly Communication"
Die ARL sagt in diesem Abschnitt eine Phase der ständigen Transformation und Entwicklung der wissenschaftlichen Kommunikations- und Publikationsstrukturen - u.a. als Reaktion auf die Zeitschriftenkrise - voraus. Dies zwinge Bibliotheken dazu, ihre Dienstleistungen zu verlagern und weiterzuentwickeln. Dazu sei eine Kommunikation und Kooperation mit anderen Partnern - insbesondere den Wissenschaftlern selber - unerlässlich. Bibliotheken müssten den aktuellen wissenschaftlichen Forschungsprozess kennen, um diesen zu fördern und die richtigen Dienste anbieten zu können. Eine besondere Herausforderung für Bibliotheken seien auch die zunehmende Kommunikation schon während des Forschungsprozesses (nicht mehr nur Publikation des Ergebnisses als Aufsatz) und neue Formen der Kommunikation. Auch darin entstandenes Wissen sollte von den Bibliotheken verwaltet und verbreitet werden können.

"Trends in Public Policies Affecting Research Libraries"
Der Bericht weist auf die bevorstehenden zuträglichen und hemmenden Entwicklungen in Politik und Rechtsprechung hin. Eine starke Reibung werde es zwischen Bestrebungen zur Förderung von Forschung und Lehre einerseits (u.a. Förderung von Open-Access-Publikationsmodellen) und der weiteren Entwicklung und Verschärfung des Urheberrechts und des Geistigen Eigentums andererseits geben. Die Förderung der Wissenschaft wie auch die Bemühungen zur Erhaltung digitaler geistiger und kultureller Inhalte könnten sich Bibliotheken zunutze machen, auf der anderen Seite stehe aber ein harter Wettbewerb um die Fördergelder bevor. Hervorgehoben wird auch der allgemeine Trend zur Messung und Bewertung öffentlicher Einrichtungen.

"Trends in the Library Role in Research, Teaching, and Learning"
Auch in diesem Abschnitt geht es um einen radikalen Wandel - in Forschung, Lehre und Lernverhalten. Genannt wird etwa die Entstehung sogenannter "Cyberinfrastructures", virtueller Lern- Lehr- und Forschungsumgebungen. Die Bibliotheken seien dadurch gezwungen, ihre Dienstleistungen anzupassen und selbst gravierende organisatorische Veränderungen vorzunehmen. Das Web2.0 schaffe derweil Tatsachen im Hinblick auf verstärkte Kommunikation und Kollaboration. Um sich an diese neue Wissenschaftslandschaft anzupassen und sie gar mitzugestalten müssen Bibliotheken mit Partnern zusammenarbeiten. Die Wahl der richtigen Kooperationspartner wird dabei zu einer grundlegenden Entscheidung. Der Bericht erwähnt zudem noch die Problematik der Langzeitarchivierung des Internets: Auch diese Frage ist für Bibliotheken von großem Interesse, in Zeiten, wo es etwa starkes Interesse an der Archivierung von Blogs (z.B. in den Rechtswissenschaften) gibt.

Die Wirkung

Eine der Stärken des Berichts ist sicher die gut strukturierte Darstellung anhand der drei strategischen Ausrichtungen. Während in der englischsprachigen Fachblogs die Thesen durchaus diskutiert werden (z.B. hier), ist die Rezeption im deutschsprachigem Raum verhalten. Bleibt abzuwarten, ob dieser Weckruf die erwünschte Wirkung zeigt und den Bibliotheken deutlich wird, welchen drastischen Veränderungen ihre Umwelt unterworfen ist. Eins ist klar: Auch wenn gewisse Leitlinien sichtbar werden, niemand weiß, wo die Reise konkret hingeht. Das ist aber auch eine Chance für Bibliotheken, die - wenn sie rechtzeitig und angemessen reagieren - diese Entwicklungen mitgestalten können.

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