2010-03-11

Die Zeit ist reif, wir müssen sie nur pflücken

Die Zeit ist reif. Geben wir der Öffentlichkeit, was der Öffentlichkeit gehört: die bibliographischen Daten der Bibliotheks- und Verbundkataloge.

Seit mehr als hundert Jahren wird die Erstellung und Pflege der Bibliothekskataloge öffentlicher und wissenschaftlicher Bibliotheken durch öffentliche Gelder (Steuergelder) finanziert. Es wird Zeit, diese Daten nicht nur frei zugänglich in Webkatalogen für Recherchezwecke zu Verfügung zu stellen, sondern sie vollumfänglich zu öffnen: Freie bibliographische Daten jetzt!

"Sind Katalogdaten nicht schon offen?"

Nun mögen manche BibliothekarInnen einwenden: "Unsere Daten sind doch bereits offen über das Web, über Z39.50-Schnittstellen usw. zugänglich." Frei zugänglich heißt aber nicht notwendigerweise offen. Orientierung gibt hier die Open Definition der Open Knowledge Foundation. Die Kurzform dieser Definition von "offen" besagt:
"A piece of knowledge is open if you are free to use, reuse, and redistribute it."
Die vollständige Definition spezifiziert die Zugangsbedingungen zu offenem Wissen wie folgt:
"The work shall be available as a whole and at no more than a reasonable reproduction cost, preferably downloading via the Internet without charge."
Dabei gilt: "'As a whole' prevents the limitation of access by indirect means, for example by only allowing access to a few items of a database at a time." Es ist klar, dass Bibliotheks- und Verbundkataloge noch nicht offen in diesem Sinne sind.

"Warum sollen wir unsere Daten verschenken?"

Diesem Einwand gegen Open Bibliographic Data begegnet man häufiger. Zunächst einmal: Es geht eben nicht darum unsere Daten zu verschenken. In dieser Aussage stecken zwei Fehler. Wie oben erläutert, gehören die Daten nicht uns, Bibliotheken oder Verbünden. Die Daten sind öffentlich, sie befinden sich gewissermaßen bereits in der Public Domain. Wir geben also der Öffentlichkeit nur das, was ihr ohnehin gehört.

Und von 'verschenken' kann hier auch nicht die Rede sein. Der Gebrauch des Ausdrucks 'Geschenk' heißt, 'das Eigentum an einer Sache oder an einem Recht freiwillig an einen anderen zu übertragen' (Quelle: Wikipedia). Und 'übertragen' im Sinne beinhaltet, dass nach Übertragung der Sache, des Verwertungsrecht usw. an einen anderen ich selbst nicht mehr über diese Sache verfügen kann. Dieses Moment der Aufgabe einer Sache oder eines Rechts gilt eben nicht für eine Übertragung von elektronischen Daten in die Public Domain, weil sich diese ganz simpel und beliebig oft reproduzieren lassen. Mein Recht, über die Daten zu verfügen besteht ja nach der Öffnung der Daten im selben Maße wie vorher, nur hat nun auch jede andere Person und Institution das Recht, die Daten zu benutzen wie ihr beliebt.

"Aber welchen Nutzen bringen freie bibliographische Daten?"

Die Frage welchen Nutzen die Freigabe bibliographischer Daten in die Public Domain mit sich bringt, ist damit allerdings immer noch nicht beantwortet. Und sie lässt sich auch nicht konkret beantworten, weil sich der Nutzen erst nach der Freigabe zeigen wird. Mein Verdacht ist allerdings, dass sich hinter der häufig geäußerten Frage "Welchen Nutzen bringen freie bibliographische Daten?" die weniger altruistische Frage verbirgt: "Welchen Nutzen bringen freie bibliographische Daten uns, den Bibliotheken und Verbünden?"

Die Freigabe von Daten führt zu ungeahnten kreativen Formen der Nutzung dieser Daten. Patrick Danowski verwies auf die erste nicht-intendierte Nutzung der vor einiger Zeit in die Public Domain entlassenen Daten der CERN Library. Dieser konkrete Fall ist sogar von unmittelbarem Gewinn für die Bibliothek.

Andere Nutzungen mögen in erster Linie der literaturwissenschaftlichen oder anderer Forschung dienen oder die Recherchemöglichkeiten nach Büchern bei Google verbessern. Dies ist aber kein Hindernis, sondern ein Grund zur Freigabe der Daten. Ich kann mir darüber hinaus eine ganze Menge nützlicher Webanwendungen vorstellen, die auf bibliographischen Daten von Bibliotheken aufbauen oder zu diesen Daten verlinken...

Ein konkreter Nutzen von Open Bibliographic Data wurde im letzten Übertext-Beitrag deutlich gemacht: Geben Bibliotheken im großen Maßstab ihre Daten frei, so würde es unmöglich, ein Dienstleistungsmonopol auf der Basis der weltweit größten bibliographischen Datenbank aufrechtzuerhalten. Eine große Menge an Bibliotheken würde profitieren, indem sie dieselben Dienste zu deutlich verringerten Kosten nutzen könnten. Dies würde bedeuten, dass OCLC sein Geschäftsmodell grundlegend überdenken müsste, um sich an eine solche Entwicklung anzupassen.

Datenpflege crowdsourcen

In Zeiten sinkender Budgets für Bibliotheken und andere öffentliche Einrichtungen ist die Pflege immer größerer Datenmengen allein durch Bibliothekare nicht mehr zu leisten. Wieso also nicht die Basis der Mit"arbeiter" um eine theoretisch unbegrenzte Menge Freiwilliger erweitern, indem die Daten(bank)pflege crowdgesourct wird? Firefox, Wikipedia und andere offene Projekte haben vorgemacht, dass dies funktioniert und Allen zugute kommt.

Bibliotheken werden mit der Freigabe ihrer Daten die alleinige Kontrolle (welche sie ohnehin nicht mehr besitzen) über die Welt der bibliographischen Daten abgeben. Aber dafür wird die Öffentlichkeit (das ist die Menge der in der Bibliothekswelt allgegenwärtigen "Nutzer") Nützlicheres, Vielfältigeres und Schöneres bekommen als wir uns jetzt vorstellen können.
Die Zeit ist reif.

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