2010-04-15

OCLCs Policy und die Public Domain

Vor gut einer Woche hat OCLC den erneuten Versuch gestartet, eine Policy für die WorldCat-Daten zustande zu kriegen. Beim ersten Mal (ab Ende 2008) versuchte OCLC, eine restriktive Policy ohne Beteiligung der OCLC-Mitglieder durchzukriegen, was an der massiven Kritik aus der Bibliothekswelt gescheitert ist. (Zum ersten Anlauf siehe meinen Artikel im Bibliotheksdienst und die umfangreiche Quellensammlung im code4lib-Wiki.)

Nun läuft das Ganze transparenter ab, der derzeitige Entwurf ist klar als Draft for Community Review  gekennzeichnet, es gibt ein Community Forum, auf dem der für die Policy zuständige "Record Use Policy Council" aufkommende Fragen zur Policy beantwortet und eine stetig aktualisierte FAQ-Seite wurde eingerichtet. [1] Bis Ende Mai nimmt OCLC Feedback zum Entwurf entgegen, das dann in den endgültigen Entwurf einfließen soll.

Unterschiede zum ersten Anlauf

Zunächst sollen hier die wichtigsten inhaltlichen Unterschiede zum ersten Policy-Entwurf erläutert werden.

Ausklammern der Frage des Besitzes einzelner Datensätze
Während der erste Policy-Angang noch den Verusch unternahm, möglichst jede Nutzung auch einzelner Datensätze zu regeln. hat sich OCLC nun der Realität des Urheberrechts (dass man eben nur auf ganze "Datenbanken" oder substanzielle Teile davon ein Urheberrecht haben kann) angepasst und erhebt allein Anspruch auf die gesamte Datenbank:
"OCLC does claim copyright rights in WorldCat as a compilation. In accordance with US copyright law, those rights are based on OCLC's substantial intellectual contribution to WorldCat as a whole, including OCLC’s selection, arrangement, and coordination of the material in WorldCat".
- Aus einem Kommentar des Record Use Policy Counsel
Kein rechtliches Dokument
Während der erste Policy-Entwurf noch den Anschein machte, Teil eines privatrechtlichen Vertrages und somit rechlich durchsetzbar zu sein, ist der aktuelle Entwurf  eher eine Richtlinie oder wie Jennifer Younger sagt: "It's very much a proposal for a code of good practice".

Mitglieder, die sich WorldCat-Daten auf eine Art und Weise nutzen wollen, die nicht der Policy entspricht, erwarten also keine juristischen Konsequenzen. Nichtsdestotrotz müssen sie sich mit OCLC auseinandersetzen und wir wissen ja, dass OCLC noch vor kurzem bereit war, auf  ein langjähriges Mitglied erheblichen Druck auszuüben. Im Policy-Entwurf heißt es:
 "If a particular use is determined to not be covered, OCLC and the member will seek a mutually agreeable resolution of the matter. If, after six months, no such resolution has been reached, OCLC will refer the matter to the OCLC Global Council for prompt advice on how to proceed."
Draft-Policy, Abschnitt 5
  Rechte und Pflichten statt klare Nutzungsvorgaben
Josh Hadro schreibt im LibraryJournal:
"The new document delineates the record use rights and responsibilities of OCLC contributing members, in contrast to the previous version’s more abstract focus on the details of use and transfer of WorldCat records."
Dies ist im Grunde die Konsequenz aus den ersten beiden genannten Unterschieden: Es geht nicht mehr um klare, juristische Vorgaben für die Nutzung auch kleiner Teile der WorldCat-Datenbank. Vielmehr werden allgemeiner die Rechte und Pflichten der OCLC-Mitglieder abgesteckt, wenn es um den Umgang mit größeren Teilen der Datenbank geht.

Kein Open Data mit OCLC

OCLC hat sich in dem Policy-Entwurf klar dagegen ausgesprochen die WorldCat-Daten als öffentliches Gut zu betrachten und die Daten in die Public Domain zu geben. Die Frage, ob OCLC die Daten als öffentliches Gut oder vielmehr als Klubgut betrachtet, beantwortet der Record Use Policy Council eindeutig: WorldCat sei ein Klubgut. Der Council argumentiert gegen die Übertragung des WorldCat in die Public Domain und Argumente wie "Was öffentlich finanziert wurde, sollte ein öffentliches Gut sein." mit dem Trittbrettfahrerargument:
"[W]e have determined that WorldCat should not be “a public good” in the economic sense.
“Public goods” have the characteristic that once provided for some, they can be fully enjoyed by all (think of the highways). This characteristic gives rise to what is known in economics as the “free rider problem.” Once a public good is made available, there is no feasible way to exclude anyone from receiving its benefits, and because of this the incentive to contribute toward the cost of providing the good declines, and there is a strong incentive to “free ride” on the benefits conferred on all."
Kurz: Wenn der WorldCat freigegeben würde, würden aus zahlenden Mitgliedern plötzlich parasitäre Nicht-Mitglieder werden. Dann werden düstere Szenarien beschworen, was passieren würde, wenn der WorldCat in die Public Domain gestellt würde:
"Consider what would happen if WorldCat (or a significant portion of it) were released into the public domain: in transferring large swathes of WorldCat records to non-member organizations, members in effect would be transferring the cooperative’s chief asset to organizations with no obligation to invest in it. Our analysis suggests that this would increase free riding, diminish the incentive to be a member, and eventually compromise the economic viability of the cooperative. The utility of the database would also be compromised as WorldCat fragments, resulting in a less comprehensive record supply, scattering efforts at collaborative knowledge organization, raising the costs of resource sharing, and reducing the global discoverability and visibility of members’ collections. "
- Aus einem Kommentar des Record Use Policy Counsel
 Ich möchte die Argumente hier einmal im einzelnen anschauen.

  • In transferring large swathes of WorldCat records to non-member organizations, members in effect would be transferring the cooperative’s chief asset to organizations with no obligation to invest in it. Diese Aussage mag zutreffen, wenn Investieren allein als eine monetäre Handlung verstanden wird. Wahrscheinlicher ist, dass diese Organisationen eher eine Menge Arbeit in die Aufwertung der Daten durch Korrekturen und Ergänzung investieren. Die Ergebnisse dieser Arbeit können dann in den WorldCat zurückfließen und voilà: Der WorldCat gewinnt durch Open Data(wie jede andere bibliothekarische Einrichtung auch), wenn auch das Unternehmen OCLC kein Geld damit verdient. (Absurderweise müssen bisher Bibliotheken zahlen, wenn sie den WorldCat vergrößern und ihre Daten hochladen.)
  • Our analysis suggests that this would increase free riding, diminish the incentive to be a member, and eventually compromise the economic viability of the cooperative. Dem mag ich nicht widersprechen. Die Kooperative mag darunter leiden, wenn OCLC nicht beginnt, ihre Existenz durch andere nützliche Dienste zu rechtfertigen. Das könnten etwa Forschungsarbeit oder auf den freien Daten aufbauende Dienstleistungen (z.B. cloudbasierte Bibliothekssysteme) sein. Allerdings heißt die Schwächung der Kooperative noch lange nicht, dass der WorldCat und die darin enthaltenen Daten darunter leiden würden, auch wenn "the economic viability of the cooperative" in Gefahr geriete. Worum geht es also: Um WorldCat oder um das Wirtschaftsunternehmen OCLC?
  • The utility of the database would also be compromised as WorldCat fragments, resulting in a less comprehensive record supply, scattering efforts at collaborative knowledge organization, raising the costs of resource sharing, and reducing the global discoverability and visibility of members’ collections. Die Damen und Herren bei OCLC haben doch sicher auch schon von Linked Open Data gehört. Eine Zukunft mit Linked Open Data könnte eben eine dezentrale Pflege bibliographischer Daten ermöglichen, die gleichzeitig den Aufbau zentralen Recherchedatenbanken und eine globale Recherche erleichtert. Think future, OCLC! Ich dachte, du seist innovativ, dann entwickle doch mal diese völlig neue Zukunft mit. Ich verstehe ja, dass es schwierig ist auf Linked Open Data zu setzen, wenn man mit restricted data einen Großteil seiner Einnahmen macht. Zu viel Beharrungsvermögen wird sich aber langfristig sicher nicht auszahlen...
Konsequenterweise hat der Record Use Policy Council auf eine Anfrage von mir wie folgt geantwortet:
"We feel that re-licensing a member library catalog containing records extracted from WorldCat (as Adrian suggests in his comment to our blog) under a Public Domain and Dedication License (http://www.opendatacommons.org/licenses/pddl/1.0/ would violate the intent of the draft policy, because by definition such a step makes that portion of WorldCat a “public good.” The Creative Commons Zero license (http://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/) would have the same effect. In both cases, subsequent users and transferors of the data would have no restrictions or requirements whatever. For the reasons stated in our long comments above, if enough members did this, it would diminish the long-term viability and utility of WorldCat to the OCLC cooperative."
- Aus einem anderen Kommentar des Record Use Policy Counsel
Ob eine Open-Data-Praxis "would diminish the long-term viability and utility of WorldCat to the OCLC cooperative" habe ich oben schon bezweifelt. Die Mitglieder würden m.E. von einer solchen Praxis profitieren, allein das Unternehmen OCLC müsste sich ein neues Geschäftsmodell überlegen.
Mir stellt sich in diesem Zusammenhang allerdings die Frage, ob OCLCs Ächtung einer Datenfreigabe durch Mitgliedsbibliotheken rechtlich haltbar ist. Machen einzelne Bibliotheken mit ihren lokalen Katalogen nicht das gleiche wie OCLC mit dem WorldCat, gibt es nicht auch eine "substantial intellectual contribution" zur lokalen Datenbank als ganzer, "including [the library's] selection, arrangement, and coordination of the material in [its local catalog]"? Und ergibt sich daraus nicht ein Urheberrechtsanspruch der Mitglieder auf ihre lokalen Datenbanken, so dass sie damit tun und lassen können, was sie wollen? Kurz: Es spricht einiges dafür, dass genauso wie OCLC ein Urheberrecht auf den WorldCat als Gesamtheit hat, jede Mitgliedsbibliothek ein Urheberrecht auf ihre lokalen Datenbanken hat.

Zwei grundlegende Widersprüche

Josh Hadro benennt im LibraryJournal einen Wiederspruch:
"The policy's stated intent describes two linked but separate goals, which some critics say are in tension with each other: 'to encourage the widespread use of WorldCat bibliographic data while also supporting the ongoing and long-term viability and utility of WorldCat and WorldCat-based services such as resource sharing, cataloging, and discovery.'"
Mir scheint, es gibt zwei weitere erklärte Ziele OCLCs, die sich nicht unter einen Hut bringen lassen: OCLC möchte sowohl dem Wohl der einzelnen Mitglieder als auch dem Wohl der Kooperative, zu der das Unternehmen OCLC gehört (siehe das Glossar), dienen:
“It is the members of the cooperative who finally support the cooperative,” she said. “We need to look at their interest first, because they’re the long term caretakers. We want any use made of WorldCat data to benefit that cooperative.”
- Karen Calhoun im Library-Journal-Artikel
Es scheint, als würden derzeit OCLCs wirtschaftliche Ziele mit den bibliothekarischen Zielen der Mitgliedsinstitutionen im Widerspruch stehen. Dieser Widerspruch muss aufgelöst werden und ich hoffe, am Ende wird die Public Domain und die Bibliothekswelt als Ganzes davon profitieren und nicht ein Unternehmen sein Monopol gesichert haben.


[1] Leider verweisen unheimlich viele "Antworten" auf der FAQ-Seite darauf, dass bestimmte Nutzungen der Daten "consistent with OCLC member community norms, OCLC’s public purpose and this policy’s intent" sein sollten. Das nennt man dann wohl eine Zirkeldefinition, wenn ein Dokument, das ein anderes erklären soll, sich wiederum auf das zu erklärende Dokument stützt. Der Nutzen ist auf jeden Fall zweifelhaft.

Kommentare:

F* hat gesagt…

Was für eine detail- und kenntnisreiche Analyse! Super!

Adrian Pohl hat gesagt…

Ich habe nachgehakt im OCLC Community Forum, um Antworten auf zwei urheberrechtliche Fragen (eine davon ist schon in diesem beitrag zu finden) zu erhalten.

Aus der Antwort:
"The policy is not about the legal issues surrounding copyright of WorldCat as a whole or the copyright of an individual library's catalog. The policy is about OCLC members' willingness to commit to a code of good practice that will sustain the value and utility of WorldCat over time."

Es wir hier nochmal klargestellt, dass es um eine Selbstverpflichtung der Mitglieder geht, nicht um einen rechtlich bindenden Vertrag. Verstöße gegen diese Selbstverpflichtung würden dann wohl, wenn überhaupt, nicht juristisch, sondern OCLC-intern geahndet.

Aber ist es nicht bescheuert, eine Selbstverpflichtung zu unterschreiben, die meine rechtlich verbrieften Rechte auf Katalogdaten einschränkt? Wer macht denn bitte so etwas und gibt freiwillig die Kontrolle über seine Katalogdaten an ein Monopolunternehmen ab? Es wäre absurd, wenn die OCLC-Mitgliedsbibliotheken diesen Policy-Entwurf absegnen bzw. sich an einen solchen "social contract" halten würden.

Hier noch ein Hinweis auf einen weiteren lesenswerten Kommentar von David Sleasman im Community Forum.

Adrian Pohl hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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