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2011-11-08

Weshalb Computer (nicht) verstehen

Die Künstliche-Intelligenz-Forschung ist seit langem - in neuerer Zeit in Form des Semantic Web - einiger Kritik ausgesetzt, wie sie etwa auch jüngst Jakob Voß im Blogbeitrag "Die Grenzen des Semantic Web" artikuliert. So wie die K.I.-Forschung verspricht, Maschinen zu erschaffen, die einem Menschen ähnlich Probleme lösen, nährt das Semantic Web die Hoffnung, dass es unabhängig von und im Dienste des Menschen, Schlüsse ziehen und Verantwortung übernehmen kann - etwa für eher triviale Dinge wie Terminplanung, Reise- und Hotelbuchungen aber auch für darüber hinausgehende Aufgaben.

Ich schließe mich jener Kritik an, dass die ganze Idee der künstlichen Intelligenz ein Traum ist, der nie Wirklichkeit werden wird. Ich halte den Ausdruck "Semantisches Web" und strenggenommen auch "Künstliche Intelligenz" für in sich widersprüchlich und werde einige Gründe dafür weiter unten erläutern.

Welche Aufgaben für Computer?

Sicherlich gibt es eine Menge Aufgaben, die elektronische Maschinen sehr gut erledigen können und dabei auch "intelligent" in einem weiten Sinne erscheinen mögen. Allerdings ist es wichtig, diese Aufgaben von jenen zu unterscheiden, derer sich die Menschen schon selbst widmen müssen. Nach welcher Regel sollen aber Aufgaben für Maschinen von jenen für Menschen unterschieden werden? Dies halte ich für die eigentlich relevante Frage. Zunächst versuche ich aber einige Gründe dafür zu nennen, wie das Missverständnis zustande kommt, dass Maschinen prinzipiell auch "denken" oder "verstehen" könnten.

Modellierung menschlicher Kommunikation und Kognition nach dem Vorbild des Technischen

Der Grund des Problems ist offensichtlich die Neigung, den Menschen zu verstehen, indem er die Funktion seiner eigenen maschinellen Hervorbringungen analysiert und die Ergebnisse dann auf sich selbst überträgt. Mit anderen Worten: Theorien und Modelle technischer Kommunikation und des Computers werden auf den Menschen, seine Kognition und seine Kommunikation übertragen und sodann der Mensch als eine Maschine unter anderen verstanden. Werden Mensch und Maschine als gleichartig konzipiert, ist es nur konsequent, im Umkehrschluss an die menschlichen Fähigkeiten der Maschine zu glauben.

Kognitionstheorien und Computermodelle

Ein bekanntes Beispiel ist die Konzeption menschlicher Kognition nach dem Modell eines Computers. Nicht zufällig fiel die Entwicklung der Künstlichen-Intelligenz-Forschung zusammen mit der "kognitiven Wende" in der Psychologie, die den Wechsel vom Behaviourismus zu einem Verständnis menschlicher Kognition markiert, das auf der Computer-Metapher basiert. Den Menschen als Maschine verstehend glaubte man, ihn durch die Entwicklung intelligenter Maschinen, deren Bauplan man kennt, verstehen zu können:
"A key idea in cognitive psychology was that by studying and developing successful functions in artificial intelligence and computer science, it becomes possible to make testable inferences about human mental processes. This has been called the reverse-engineering approach." (Quelle: Wikipedia)
Wenn der Mensch selbst als eine intelligente Maschine betrachtet wird, können Maschinen folglich auch intelligent sein. Mittlerweile hat sich zwar herausgestellt, dass menschliche Kognition weitaus komplexer funktioniert als Informationsverarbeitung in einem Computer, so dass man sich von dieser Sichtweise wieder abgewandt hat. Sie hat aber in den Medien sowie in der Alltagssprache ("Kurzzeit-", "Langzeitgedächtnis", Gedächtnis als "Speicher" etc.) ihre Spuren hinterlassen und kann weiterhin dazu verführen, Computer als dem Menschen prinzipiell gleichwertige Informationsverarbeitungssysteme zu verstehen.

Technische = sprachliche Kommunikation?

Abgesehen vom über lange Jahre vorherrschenden auf der Computer-Metapher basierenden Kognitionsmodell sehe ich als weiteren Hauptgrund für den Irrglauben an die "Macht des Computers"[1], dass häufig ein prominentes Modell technischer Kommunikation auch auf natürliche Kommunikation angewendet wird und diese grundlegend verschiedenen Formen von "Kommunikation" gleichgesetzt werden.

Das Shannon/Weaver-Modell technischer Kommunikation ist allseits bekannt und lässt sich wie folgt zusammenfassen: Es gibt einen Sender, einen Empfänger, eine Nachricht, einen Übertragungskanal und einen Code. Verfügen Sender und Empfänger über denselben Code, wird die Nachricht jeweils korrekt en- und dekodiert und wird der Übertragungskanal nicht gestört, dann ist die empfangene Nachricht mit der gesendeten Nachricht identisch.

Dieses Modell deckt eigentlich explizit nur technische Kommunikation ab, so heißt es in Shannons berühmten Aufsatz "A Mathematical Theory of Communication" von 1948:
"Frequently the messages have meaning; that is they refer to or are correlated according to some system with certain physical or conceptual entities. These semantic aspects of communication are irrelevant to the engineering problem."
Shannon geht es eben um das "engineering problem", so dass Konzepte wie "Bedeutung", "Semantik", "Verstehen" schlicht irrelevant in diesem Modell sind. Mit anderen Worten: Das Modell befasst sich allein mit Kommunikation auf der syntaktischen Ebene und abstrahiert von der semantischen Ebene. Leider wurde das Modell nur allzu oft missverstanden und auf natürliche Sprache angewendet, ohne die konstitutiven Unterschiede zwischen diesen "Sprachen" zu beachten. Und sobald menschliche Kommunikation analog zum Modell technischer Kommunikation verstanden wird, wird auch leichtfertig davon ausgegangen, dass Maschinen menschliche Kommunikation vollständig imitieren können.

Christian Stetter stellt den Unterschied zwischen technischer und sprachlicher Kommunikation in [2] klar heraus:
"[W]enn von „technischer Kommunikation“ gesprochen wird, so ist von Kommunikation hier nur in übertragenem Sinn die Rede. Sender und Empfänger sind technische Apparate, philosophisch gesprochen Dinge. Dinge haben jedoch nicht die Fähigkeit, miteinander zu kommunizieren, sie funktionieren gemäß den Gesetzen, denen sie unterliegen. Weder versteht der Sender im mindesten, was er dem Empfänger übermittelt, noch dieser im mindesten, was jener ihm mitteilt."
Technische Kommunikation findet allein auf der syntaktischen Ebene statt, sie basiert auf Diskretheit, auf der Digitalität schriftlicher Symbole, des Alphabets, der Zahlen, letztlich von 0 und 1. Semantik findet sich in der inter-maschinellen Kommunikation nicht und kommt erst auf der Ebene zwischenmenschlicher Kommunikation ins Spiel. Und die Semantik natürlicher Sprachen ist eine nicht-diskrete, so dass es unmöglich ist, sie mit einer Maschine zu repräsentieren. Deshalb ergibt es keinen Sinn, von einem "Semantischen Netz" zu sprechen, das aus Maschinen besteht.[3] Denn erst mit der Aufnahme und Interpretation der Daten (oder einer auf ihrer Basis generierten visuellen oder andersartigen Repräsentation - etwa in Form eines Diagramms) durch einen Menschen bewegen wir uns auf der semantischen Ebene.

Aufgaben für Computer: formale Verfahren

Maschinen operieren also auf der syntaktischen Ebene über digitale Symbole, die im Laufe einer bedeutsamen menschlichen Praxis produziert und gespeichert wurden. Kontext und Bedeutung der Symbole existieren für eine Maschine nicht, sie funktioniert einfach.

Es gibt formalisierte Verfahren - frei von Kontext und Bedeutung - wie das deduktive Schließen und andere logische Operationen oder arithmetische und algebraische Kalküle, die von Menschen mit Stift und Papier entwickelt worden sind bevor Computer existierten.  Menschen waren es dementsprechend auch, die diese Handlungen - gewissermaßen als symbolische Maschinen - ausführten.  Die symbolische Tätigkeit des Menschen ist mit diesen formalen Operationen allerdings nicht erschöpft, ganz im Gegenteil handelt es sich um gattungsgeschichtlich recht späte Entwicklungen, weil sie an die Verwendung schriftlicher Symbole gekoppelt sind.

Es sind aber diese formalisierten Verfahren - als eine Untermenge der kognitiv bedeutsamen symbolischen Handlungen des Menschen - bei denen uns Computer an Geschwindigkeit und Rechenkraft übertreffen. Dementsprechend decken sich diese Verfahren mit dem Aufgabenbereich von Computern - nicht weniger aber eben auch nicht mehr.[4]



[1] Die deutsche Übersetzung des englischen Titels "Computer Power and Human Reason" ist übrigens völlig daneben und steht im Widerspruch zum Inhalt des Buchs (das zum Glück besser übersetzt ist als sein Titel).

[2] http://www.semantics.de/service/publikationen/kommunikationsmanagement/kommunikationsmanagement.pdf, S. 2f.

[3] Das deckt sich auch mit meiner Argumentation in der Daten-Diskussion mit Jakob, dass Daten - die ja der Stoff sind, mit dem Computer arbeiten - allein auf der syntaktischen Ebene anzusiedeln sind.

[4] Mit dieser Einsicht ist denkbar wenig erreicht. Die weitaus schwierigere Aufgabe ist es, die natürlichsprachige Kommunikation unter diesen Vorbedingungen zu verstehen.

2010-05-30

Fachkommunizieren - aber wie?

Seit Christian Hauschke vor einiger Zeit auf Infobib einen Beitrag zur bibliothekarischen Fachkommunikation veröffentlichte, wird in den Kommentaren und auch im Netbib-Blog von vielen Leuten fleißig diskutiert. In der Diskussion geht es um verschiedene Aspekte der Fachkommunikation, vor allem aber um die Frage:

Wie bekommen wir die Offliner dazu, an der bibliothekarischen Online-Diskussion (in Blogs etc.) teilzunehmen bzw. sie überhaupt erst wahrzunehmen?

Für die, die nicht alles lesen wollen, hat Lambert Heller in einem Kommentar mal die im Hinblick auf diese Frage genannten wichtigsten möglichen Aufgaben und Handlungsbereiche zusammengefasst. Ich stelle diese Ansätze hier nochmals verkürzt dar:
  1. Interessante Online-Texte in die bibliothekarischen Printmedien tragen, um die Online-Welt sichtbarer zu machen und neue Besucher und Mitdiskutierer zu locken.
  2. Online-Artikel (als RSS-Feed) aggregieren, um so einen schnelleren Überblick über die bibliotheksrelevanten Online-Publikationen zu ermöglichen.
  3. Aufbau eines "Overlay-Journals", in dem interessante Veröffentlichungen zu bestimmten Themen ausgesucht und gesammelt werden. Diese Vorauswahl soll den Online-Faulen den Zugriff auf relevante Web-Publikationen erleichtern. Dass ein Overlay-Journal auch gedruckt erscheinen sollte, wird in der Diskussion allerdings von vielen abgelehnt.
Zwar ging die Diskussion hauptsächlich um die oben genannte Frage, allerdings war diese nicht das einzige Thema. Christian Hauschke etwa hatte schon in dem Blogbeitrag, der die ganze Diskussion auslöste, ein grundlegendes Problem beschrieben:
"Egal, wie kommuniziert wird, es sollte diskutiert und nicht nur verkündet werden. Festzustellen ist dazu, dass zu wenig und fast ausschließlich ritualisiert kommuniziert wird. Projektberichte sind ... meist offene Briefe an die Projektgeber ohne größeren Mehrwert für die Fachöffentlichkeit. Die Bibliothekswesen haben immer noch keinen Blog auf offene Kommunikation."
 Wann ist Fachkommunikation?

Ich verfolge diese Diskussion, weil auch ich mir eine Fachkommunikation über alle Aspekte der Bibliotheksarbeit wünsche, die den gemeinsamen Lern- und Bildungsprozess bestmöglich vorantreibt und dafür sorgt, dass die Arbeit von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren, von Bibliotheken und Verbünden sich sehen lassen kann. [1] Ich möchte hier zunächst versuchen, das Ganze nochmal von der grundlegenden theoretischen Frage aufzurollen: Was macht überhaupt eine gute Fachkommunikation aus?

Auch ich beschränke mich hier - wie die gesamte bisherige Diskussion - auf die öffentlich dokumentierte Kommunikation, d.h. auf veröffentlichte schriftliche Fachtexte. [2] Die mündliche Fachkommunikation wird hier also ausgeklammert, so interessant und relevant sie auch ist. [3]

Ich sehe zwei notwendige Bedingungen erfolgreicher schriftlicher Fachkommunikation:
  1. Zugang zur Fachliteratur
  2. Kritischer Anschluss an bestehende Texte
Zugang

Damit Fachkommunikation stattfinden kann, müssen alle an ihr Beteiligten Zugriff auf die Fachveröffentlichungen haben. (Ich hatte diese Notwendigkeit auch mal in einen Aphorismus gefasst.) Um diesen Zugriff zu garantieren, sollte es keine Preisbarrieren oder technischen Schranken geben, die einen Zugriff durch Interessierte erschweren oder gar verunmöglichen. Kurz: Fachtexte sollten Open Access publiziert werden. Der Ruf nach Open Access ist nichts Neues und wurde auch von verschiedenen Personen in der Diskussion getätigt, weshalb ich das Thema hier nicht weiter auswalzen möchte.

Wichtig ist hier zu erwähnen, dass der Zugang über einen langen Zeitraum hinweg ermöglicht werden muss, denn Fachkommunikation findet u.U. über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte statt. Der Erfolg und Misserfolg onlinebasierter Fachkommunikation ist naturgemäß stark an die Frage nach funktionierenden Mechanismen der Langzeitarchivierung gekoppelt.

Es bleibt nur zu fordern: Öffnet die Postillen und macht sie zu Publikationen, die wirklich frei öffentlich zugänglich sind und zwar für alle und nicht nur für jene, die das nötige Geld oder einen Bibliotheksausweis haben!

Kritischer Anschluss

Ein wesentlicher Bestandteil von Fachkommunikation ist der kritische Anschluss an bestehende Texte. [4] Dies schließt unter anderen folgende Handlungen ein: gründliches Lesen, um einen Text hinreichend zu verstehen; Kommentieren, um die eigene Perspektive ins Spiel zu bringen; Paraphrasieren, um zu zeigen, ob und wie man etwas verstanden hat; Kritisieren, indem man Widersprüche aufweist und Unterscheidungen als nutz-, sinnlos oder diskriminierend herausstellt; zustimmend Verweisen und zusammenfassen, um an bestehende Texte anzuknüpfen und und und.

Was Fachkommunikation nicht ist: ein bloßes Verkünden und Anpreisen der eigenen Erfahrungen, Produkte und Projekte, möglichst allgemein gehalten, um keine Reibungsfläche für kritische Anknüpfungen zu bieten; oder das Zitieren aus anderen Texten, ohne diese gründlich gelesen zu haben. Fachkommunikation heißt auch nicht rechthaberisch oder verächtlich auf andere Texte zu reagieren, sondern den Mitdiskutanten den nötigen Respekt zu zollen.

Es folgt das Desideratum: Knüpft kritisch an Fachtexte an, seien dies Zeitschriftenartikel, Bücher, Blogposts, Mailinglistenbeiträge etc.

Anforderungen an Zeitschriften

Jakob Voß hat im Laufe der Diskussion fünf Forderungen für Fachzeitschriften aufgestellt, die Christian Hauschke um eine weitere wichtige Forderung ergänzte. Ich gebe diese sechs Forderungen hier wieder, weil auch ich sie in diesem Zusammenhang für wesentlich halte und uneingeschränkt unterstütze:
  1. Open Access (d.h. bei gedruckten Artikeln, dass sie zeitgleich online verfügbar sein müssen)
  2. Verlinkbarkeit einzelner Artikel
  3. Archivierung in einem Repository.
  4. RSS-Feed über die einzelnen Artikel und Ausgaben und
  5. Kommentarfunktion (bei Bedarf moderiert).
  6. Möglichst (auch) als HTML veröffentlicht.
Der zweite Punkt - die Forderung nach Verlinkbarkeit - ist in diesem Zusammenhang hervorzuheben, weil Verlinkbarkeit und damit Adressierbarkeit eben notwendige Bedingung ist, um explizit an einen Text anzuknüpfen. Würden sich sämtliche bibliothekarische Fachpublikationen an diese sechs Regeln halten, so hätten wir für die Fachkommunikation zumindest schon mal eine optimale Infrastruktur, die die Forderungen nach Open Access und dauerhafter Anschließbarkeit erfüllt.
Zwar ist die funktionierende technische Infrastruktur notwendige Bedingung von Fachkommunikation, viel wichtiger aber ist eine "Kultur des kritischen Anschlusses". So wie ich das bisher wahrgenommen habe, stehen viele bibliothekatrische "Fach"-Texte nur für sich allein da (sie "verkünden") und beziehen sich allenfalls oberflächlich auf andere Texte. So etwas ist eher als Simulation von Fachkommunikation zu bezeichnen, als dass wirklich fachkommuniziert wird.

Dass eine fruchtbare Kommunikationskultur entsteht, gefördert und gepflegt wird, dafür muss letztlich jede Profession selbst sorgen...


[1] Im Übrigen finde ich es sehr interessant, dass auf einmal in bibliothekarischen Kreisen über Fachkommunikation gesprochen wird, sobald es um das eigene Fach geht. Ansonsten wird ja eher über Fachinformation gesprochen, die (z.B. in Fachzeitschriften) einfach vorhanden ist und nur gesammelt, erschlossen und zugänglich gemacht werden muss. Zur - hier nicht thematisierten - Rolle der Bibliothek als Ermöglicherin von Kommunikation hoffentlich irgendwann mehr...

[2] Ein Fachtext wird nicht durch seinen Publikationsort definiert, d.h. ein Text wird nicht dadurch zum Fachtext, weil er in einer "Fach"zeitschrift erscheint (und in der Tat gibt es in solchen Zeitschriften viele Texte, die ich nicht als Fachtexte bezeichnen würde). Meines Erachtens definiert sich ein Fachtext über seinen Inhalt und seine Form sowie über seine öffentliche Zugänglichkeit und Adressierbarkeit. Es gibt eine Menge Blog- wie Mailinglistenbeiträge, die ich als Fachtexte klassifizieren würde.

[3] Ich möchte nur einmal ausdrücklich das BibCamp loben, dass - im Vergleich zu den klassisch durchorganisierten formellen Tagungen mit ihren so langen wie langweiligen Frontalveranstaltungen - in meinen Augen eine ideale informelle Plattform für eine spannende und fruchtbare mündliche Fachkommunikation darstellt. Am Beispiel des BibCamps müssen sich andere Versuche organisierter persönlicher Fachkommunikation messen lassen.

[4] Da es sich um Fachkommunikation handelt, sollten diese Anschlüsse natürlich durch entsprechende Verweise explizit gemacht werden, was ja online der Hyperlink erleichtert, während man offline noch die gute alte Fußnote setzen muss. Und damit diese Links auch in Zukunft verfolgt werden können, ist es wichtig, dass die Adressen der referenzierten Texte stabil sind.

2010-01-07

Kommunikation statt Information

Der Ausdruck 'Information' ist im Bibliotheksbereich wie auch im allgemeinen Sprachgebrauch (wenn es etwa um das "Digitale Zeitalter" geht) allgegenwärtig. Auch in meinem Studium der Bibliotheks- und Informationswissenschaften taucht er häufig auf. Allein, reflektiert oder diskutiert worden ist er in diesem Rahmen überhaupt nicht. [1] Ein solcher Mangel an Reflexion in Kombination mit der verbreiteten Orientierungslosigkeit von BibliothekarInnen und Bibliotheken in der Fortentwicklung des Bitzeitalters hat mich zu der Auffassung gebracht, dass eine Selbstverortung des Bibliothekswesens dringend nötig ist. Ein Bewusstsein der eigenen Rolle und der damit verbundenen Aufgaben verlangt allerdings nach grundlegenden Fragen wie: Was tun wissenschaftliche Bibliotheken? [2] Was heißt überhaupt 'Wissenschaft' und was ist ihre gesellschaftliche Rolle? Welchen Status hat das Konzept 'Information' und wie fassen wir es auch und gerade in Abgrenzung zu 'Daten', 'Wissen', 'Kommunikation', 'Quelle', 'Text' oder gar 'Schrift'?

Eine Frage Edward Corrados auf Twitter und die Antworten darauf (siehe meine Zusammenstellung rechts und die Tweet-Urls unten [3]) zeigten, dass auch interessierte und "informierte" BibliothekarInnen  keinen klaren Begriff von 'Information' in Abgrenzung zu 'Daten' und 'Wissen' haben, der für eine grundlegende Analyse taugt, die wiederum Ausgangspunkt für die Gestaltung des stattfindenen Wandels sein könnte. (Ich nehme mich von diesem Urteil nicht aus.) Vielleicht sollten wir einfach mit einer anderen Fragestellung beginnen...

Was ist die Hauptaufgabe von Bibliotheken?

Die landläufige Auffassung von der Kernaufgabe von Bibliotheken (wissenschaftlichen wie öffentlichen) lässt sich in etwa so zusammenfassen: Bibliotheken sammeln, erschließen und bewahren Informationen, die sich auf unterschiedlichen medialen Trägern befinden und machen diese den NutzerInnen mittels Retrievalangeboten auffindbar und über Ausleihe usw. zugänglich. Zurecht wird diese Auffassung zunehmend aufgrund ihrer Bestandszentrierung kritisiert, die einer Kunden- und Serviceorientierung zuwiderläuft.

Plädoyer für einen Perspektivwechsel

Ich plädiere für einen Perspektivwechsel in der Betrachtung der Rolle von wissenschaftlichen Bibliotheken: Weg von der Fixierung auf einen diffusen und fruchtlosen Informationsbegriff hin zu einer Analyse der kommunikativen Funktion von Bibliotheken. Dieses Plädoyer weist eine deutliche Parallele auf zur erwähnten Forderung nach mehr Nutzer- und Serviceorientierung statt der traditionellen Bestandsorientierung und liefert eine theoretische Unterfütterung dieser Forderung.

Lasst uns also nicht von Information, vom Bestand der Bibliothek sprechen, sondern von ihrer Rolle als Ermöglicherin der Kommunikation zwischen WissenschaftlerInnen. Ich bin überzeugt, dass eine solche Betrachtung das Potential hat, die Entwicklung der wissenschaftlichen Bibliotheken im  Bitzeitalter nachhaltig zu beeinflussen. Als Nebenerscheinung wird ein solcher Ansatz die zahlreichen und gravierenden Unterschiede zwischen wissenschaftlichen und öffentlichen Bibliotheken hervortreten lassen, die ein informationszentrierter Ansatz eher verdeckt.

Die Kommunikation in der Wissenschaft ist in den letzten Jahren zunehmend zu einem Thema wissenschaftlicher Betrachtung geworden, vor allem im angelsächsischen Raum. [4] In der Bibliothekswelt ist die Wichtigkeit dieser Untersuchungen für die eigene Arbeit weitestgehend unerkannt geblieben. [5] Dies ist umso erstaunlicher, wo wissenschaftliche Bibliotheken doch bisher konstitutive Bestandteile der wissenschaftlichen Kommunikationsinfrastruktur waren und damit ihre ganze Existenz auf das Engste an die wissenschaftliche Kommunikation gekoppelt war und ist.

Agenda

In den nächsten Monaten (leider muss ich ja in der nächsten Zeit auch noch "studieren", was momentan heißt vorgesetzte Aufgaben zum Wohlgefallen von DozentInnen in einem vorgegebenen Zeitrahmen zu erledigen) werde ich mich in einer Reihe von lose zusammenhängenden Beiträgen dem Thema "Kommunikation in der Wissenschaft und die Rolle wissenschaftlicher Bibliotheken" widmen. Zunächst werde ich versuchen, die - im 19. und 20. Jahrhundert verfestigte - Rolle wissenschaftlicher Bibliotheken in der Wissenschaftskommunikation zu fassen um anschließend die wichtigsten Entwicklungen und Einflüsse im Bitzeitalter zu identifizieren. Daran anschließend sollen schlussendlich Perspektiven und mögliche Strategien für wissenschaftliche Bibliotheken aufgezeigt werden. Da das Ganze hier in einem Blog und nicht in einer wissenschaftlichen (Print-)Zeitschrift geschieht, wird es naturgemäß eher ein Tasten, Fragen und Experimentieren mit dem Ziel, die wesentlichen Dimensionen einer nötigen Analyse herauszuarbeiten und in Beziehung zu setzen. Und natürlich hoffe ich auf fruchtbare Anmerkungen und Kritik von Seiten der Leserschaft...


[1] Die Annahme, dass in einem Studium die Grundbegriffe der Zunft geklärt würden liegt doch nahe. In meinem (Erst-)Studium der Kommunikationswissenschaften gab es jedenfalls eine Vorlesung, die sich zwei Semester grundlegend mit Sprache und Kommunikation befasste.

[2] Ich befasse mich hier ausschließlich mit wissenschaftlichen Bibliotheken und bin der Meinung, dass sich nur wenig aus einer Analyse wissenschaftlicher Bibliotheken auf öffentliche Bibliotheken direkt übertragen lässt. Viel mehr lässt sich wahrscheinlich aus den Unterschieden lernen. Ich bin der Auffassung, dass die Aufgaben von wissenschaftlichen und öffentlichen Bibliotheken - gerade wenn man sie aus dem Blickwinkel ihrer kommunikativen Rolle betrachtet - sehr verschieden sind. Meines Erachtens sollte folgerichtig eine Trennung dieser beiden Bereiche im Studium erwägt werden.

[3] Das komplette Twitter-Frage-Antwort-Spiel umfasste folgende Tweets (in chronologischer Reihenfolge):
[4] Siehe meine Quellensammlung zum Thema unter http://www.bibsonomy.org/user/acka47/scholarly_communication.

[5] Eine rühmliche Ausnahme im deutschsprachigen Raum ist ein Artikel von Rafael Ball mit dem Titel "Wissenschaftskommunikation im Wandel - Bibliotheken sind mitten drin". Auch