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2011-11-08

Weshalb Computer (nicht) verstehen

Die Künstliche-Intelligenz-Forschung ist seit langem - in neuerer Zeit in Form des Semantic Web - einiger Kritik ausgesetzt, wie sie etwa auch jüngst Jakob Voß im Blogbeitrag "Die Grenzen des Semantic Web" artikuliert. So wie die K.I.-Forschung verspricht, Maschinen zu erschaffen, die einem Menschen ähnlich Probleme lösen, nährt das Semantic Web die Hoffnung, dass es unabhängig von und im Dienste des Menschen, Schlüsse ziehen und Verantwortung übernehmen kann - etwa für eher triviale Dinge wie Terminplanung, Reise- und Hotelbuchungen aber auch für darüber hinausgehende Aufgaben.

Ich schließe mich jener Kritik an, dass die ganze Idee der künstlichen Intelligenz ein Traum ist, der nie Wirklichkeit werden wird. Ich halte den Ausdruck "Semantisches Web" und strenggenommen auch "Künstliche Intelligenz" für in sich widersprüchlich und werde einige Gründe dafür weiter unten erläutern.

Welche Aufgaben für Computer?

Sicherlich gibt es eine Menge Aufgaben, die elektronische Maschinen sehr gut erledigen können und dabei auch "intelligent" in einem weiten Sinne erscheinen mögen. Allerdings ist es wichtig, diese Aufgaben von jenen zu unterscheiden, derer sich die Menschen schon selbst widmen müssen. Nach welcher Regel sollen aber Aufgaben für Maschinen von jenen für Menschen unterschieden werden? Dies halte ich für die eigentlich relevante Frage. Zunächst versuche ich aber einige Gründe dafür zu nennen, wie das Missverständnis zustande kommt, dass Maschinen prinzipiell auch "denken" oder "verstehen" könnten.

Modellierung menschlicher Kommunikation und Kognition nach dem Vorbild des Technischen

Der Grund des Problems ist offensichtlich die Neigung, den Menschen zu verstehen, indem er die Funktion seiner eigenen maschinellen Hervorbringungen analysiert und die Ergebnisse dann auf sich selbst überträgt. Mit anderen Worten: Theorien und Modelle technischer Kommunikation und des Computers werden auf den Menschen, seine Kognition und seine Kommunikation übertragen und sodann der Mensch als eine Maschine unter anderen verstanden. Werden Mensch und Maschine als gleichartig konzipiert, ist es nur konsequent, im Umkehrschluss an die menschlichen Fähigkeiten der Maschine zu glauben.

Kognitionstheorien und Computermodelle

Ein bekanntes Beispiel ist die Konzeption menschlicher Kognition nach dem Modell eines Computers. Nicht zufällig fiel die Entwicklung der Künstlichen-Intelligenz-Forschung zusammen mit der "kognitiven Wende" in der Psychologie, die den Wechsel vom Behaviourismus zu einem Verständnis menschlicher Kognition markiert, das auf der Computer-Metapher basiert. Den Menschen als Maschine verstehend glaubte man, ihn durch die Entwicklung intelligenter Maschinen, deren Bauplan man kennt, verstehen zu können:
"A key idea in cognitive psychology was that by studying and developing successful functions in artificial intelligence and computer science, it becomes possible to make testable inferences about human mental processes. This has been called the reverse-engineering approach." (Quelle: Wikipedia)
Wenn der Mensch selbst als eine intelligente Maschine betrachtet wird, können Maschinen folglich auch intelligent sein. Mittlerweile hat sich zwar herausgestellt, dass menschliche Kognition weitaus komplexer funktioniert als Informationsverarbeitung in einem Computer, so dass man sich von dieser Sichtweise wieder abgewandt hat. Sie hat aber in den Medien sowie in der Alltagssprache ("Kurzzeit-", "Langzeitgedächtnis", Gedächtnis als "Speicher" etc.) ihre Spuren hinterlassen und kann weiterhin dazu verführen, Computer als dem Menschen prinzipiell gleichwertige Informationsverarbeitungssysteme zu verstehen.

Technische = sprachliche Kommunikation?

Abgesehen vom über lange Jahre vorherrschenden auf der Computer-Metapher basierenden Kognitionsmodell sehe ich als weiteren Hauptgrund für den Irrglauben an die "Macht des Computers"[1], dass häufig ein prominentes Modell technischer Kommunikation auch auf natürliche Kommunikation angewendet wird und diese grundlegend verschiedenen Formen von "Kommunikation" gleichgesetzt werden.

Das Shannon/Weaver-Modell technischer Kommunikation ist allseits bekannt und lässt sich wie folgt zusammenfassen: Es gibt einen Sender, einen Empfänger, eine Nachricht, einen Übertragungskanal und einen Code. Verfügen Sender und Empfänger über denselben Code, wird die Nachricht jeweils korrekt en- und dekodiert und wird der Übertragungskanal nicht gestört, dann ist die empfangene Nachricht mit der gesendeten Nachricht identisch.

Dieses Modell deckt eigentlich explizit nur technische Kommunikation ab, so heißt es in Shannons berühmten Aufsatz "A Mathematical Theory of Communication" von 1948:
"Frequently the messages have meaning; that is they refer to or are correlated according to some system with certain physical or conceptual entities. These semantic aspects of communication are irrelevant to the engineering problem."
Shannon geht es eben um das "engineering problem", so dass Konzepte wie "Bedeutung", "Semantik", "Verstehen" schlicht irrelevant in diesem Modell sind. Mit anderen Worten: Das Modell befasst sich allein mit Kommunikation auf der syntaktischen Ebene und abstrahiert von der semantischen Ebene. Leider wurde das Modell nur allzu oft missverstanden und auf natürliche Sprache angewendet, ohne die konstitutiven Unterschiede zwischen diesen "Sprachen" zu beachten. Und sobald menschliche Kommunikation analog zum Modell technischer Kommunikation verstanden wird, wird auch leichtfertig davon ausgegangen, dass Maschinen menschliche Kommunikation vollständig imitieren können.

Christian Stetter stellt den Unterschied zwischen technischer und sprachlicher Kommunikation in [2] klar heraus:
"[W]enn von „technischer Kommunikation“ gesprochen wird, so ist von Kommunikation hier nur in übertragenem Sinn die Rede. Sender und Empfänger sind technische Apparate, philosophisch gesprochen Dinge. Dinge haben jedoch nicht die Fähigkeit, miteinander zu kommunizieren, sie funktionieren gemäß den Gesetzen, denen sie unterliegen. Weder versteht der Sender im mindesten, was er dem Empfänger übermittelt, noch dieser im mindesten, was jener ihm mitteilt."
Technische Kommunikation findet allein auf der syntaktischen Ebene statt, sie basiert auf Diskretheit, auf der Digitalität schriftlicher Symbole, des Alphabets, der Zahlen, letztlich von 0 und 1. Semantik findet sich in der inter-maschinellen Kommunikation nicht und kommt erst auf der Ebene zwischenmenschlicher Kommunikation ins Spiel. Und die Semantik natürlicher Sprachen ist eine nicht-diskrete, so dass es unmöglich ist, sie mit einer Maschine zu repräsentieren. Deshalb ergibt es keinen Sinn, von einem "Semantischen Netz" zu sprechen, das aus Maschinen besteht.[3] Denn erst mit der Aufnahme und Interpretation der Daten (oder einer auf ihrer Basis generierten visuellen oder andersartigen Repräsentation - etwa in Form eines Diagramms) durch einen Menschen bewegen wir uns auf der semantischen Ebene.

Aufgaben für Computer: formale Verfahren

Maschinen operieren also auf der syntaktischen Ebene über digitale Symbole, die im Laufe einer bedeutsamen menschlichen Praxis produziert und gespeichert wurden. Kontext und Bedeutung der Symbole existieren für eine Maschine nicht, sie funktioniert einfach.

Es gibt formalisierte Verfahren - frei von Kontext und Bedeutung - wie das deduktive Schließen und andere logische Operationen oder arithmetische und algebraische Kalküle, die von Menschen mit Stift und Papier entwickelt worden sind bevor Computer existierten.  Menschen waren es dementsprechend auch, die diese Handlungen - gewissermaßen als symbolische Maschinen - ausführten.  Die symbolische Tätigkeit des Menschen ist mit diesen formalen Operationen allerdings nicht erschöpft, ganz im Gegenteil handelt es sich um gattungsgeschichtlich recht späte Entwicklungen, weil sie an die Verwendung schriftlicher Symbole gekoppelt sind.

Es sind aber diese formalisierten Verfahren - als eine Untermenge der kognitiv bedeutsamen symbolischen Handlungen des Menschen - bei denen uns Computer an Geschwindigkeit und Rechenkraft übertreffen. Dementsprechend decken sich diese Verfahren mit dem Aufgabenbereich von Computern - nicht weniger aber eben auch nicht mehr.[4]



[1] Die deutsche Übersetzung des englischen Titels "Computer Power and Human Reason" ist übrigens völlig daneben und steht im Widerspruch zum Inhalt des Buchs (das zum Glück besser übersetzt ist als sein Titel).

[2] http://www.semantics.de/service/publikationen/kommunikationsmanagement/kommunikationsmanagement.pdf, S. 2f.

[3] Das deckt sich auch mit meiner Argumentation in der Daten-Diskussion mit Jakob, dass Daten - die ja der Stoff sind, mit dem Computer arbeiten - allein auf der syntaktischen Ebene anzusiedeln sind.

[4] Mit dieser Einsicht ist denkbar wenig erreicht. Die weitaus schwierigere Aufgabe ist es, die natürlichsprachige Kommunikation unter diesen Vorbedingungen zu verstehen.

2010-04-19

Wann sind Daten?

Jakob Voß hat eine sehr schöne, dichte Präsentation mit dem Titel "Semantic Web und Linked Open Data. Eine Bibliothekarische Geschichte" auf Slideshare veröffentlicht. Bei Jakobs Vortrag wurde dem Auditorium sicher nicht langweilig. Das Reinschauen lohnt sich.
 
Jakobs Datenbegriff

Mich hat besonders Jakobs Definition von "Daten" (auf den Folien 5 und 9) zum Nachdenken gebracht:
"Daten: Strukturen aus unterscheidbare[n] Zeichen, die aufgrund von Vereinbarungen Informationen darstellen"
Da keine Referenz angegeben ist, denke ich dass diese Definition in dieser Form von Jakob selbst stammt. Da ich mich desöfteren frage, wie sich der Datenbegriff am besten fassen lässt [1], nehme ich das gerne zum Anlass, hier meinen Gedanken freien Lauf zu lassen.

Offensichtlich benutzt Jakob hier "Zeichen" im Sinne von "Zeichenkörper", denn Information und damit bedeutungstragend werden die Zeichen ja erst "aufgrund von Vereinbarungen". Das lässt sich dann so umformulieren:
  • Daten sind Strukturen aus unterscheidbaren Zeichenkörpern, 
  • die "aufgrund von Vereinbarungen Informationen darstellen".
Kritik

Hier vier Aspekte der Definition, mit denen ich Probleme habe:
  1. Es ist nicht klar, worauf sich das Relativpronomen 'die' bezieht: auf 'Strukturen' oder auf 'Zeichen(körpern)'. 
  2. Der zweite Teilsatz ist mir einfach zu unklar. Mir erscheint der Informationsbegriff im Alltagsgebrauch klarer als in den Bibliotheks- und Informationswissenschaften (Zumindest kommt man im Alltag mit einem unklaren Konzept klar, während so etwas der wissenschaftlichen Arbeit nicht gut tut.) Aber auch, was sich hinter "Vereinbarungen" verbirgt, ist alles andere als klar.  
  3. Nach meinem Dafürhalten  - und darauf werde ich unten näher eingehen -,  stellen Daten keine Information dar, wenn sie auch gespeicherte Information sein mögen. Sprechen wir von Daten, so ist sozusagen die Bedeutung weggekürzt und wir befinden uns allein auf der syntaktischen Ebene. Folgerichtig würde ich den zweiten Spiegelstrich bei einer Definition von "Daten" erstmal einfach wegstreichen um der Sache näher zu kommen.   
  4. Mir scheint außerdem - aus Punkt drei folgend - der Ausdruck 'Zeichen'/'Zeichenkörper' hier nicht der passende zu sein. Ein Zeichenkörper ist die materielle Seite des Zeichens. Ein Zeichen hat Bedeutung, weshalb Buchstaben keine Zeichenkörper haben/sind, weil wir - in der Regel - nur Folgen von Buchstaben,nämlich Wörtern und Phrasen, Bedeutung zuweisen und nicht einzelnen Buchstaben. Buchstaben befinden sich eben auf der subsemantischen Ebene. Da ich aber denke, dass sich der Datenbegriff allein auf die syntaktische Ebene bezieht, sollte von den atomaren Einheiten der Syntax , sprich: Buchstaben und Zahlen oder im Bitzeitalter: Bits, gesprochen werden. Diese sind nun eben keine Zeichenkörper, sondern eher als Token oder Inskriptionen o.ä. zu bezeichnen.

Ein rein syntaktischer Ansatz

Daten sind für mich in erster Linie eine Menge unterschiedener und unterscheidbarer, syntaktisch strukturierter Token, die gespeichert sind und transportiert und kopiert werden können. Syntax in diesem Sinne setzt Digitalität (d.h. eine endliche Menge klar abgegrenzter Typen) voraus und damit ist Digitalität auch Voraussetzung für Daten. Es folgt, dass neben elektronisch vorliegenden Daten, Tabellen usw. auch geschriebene Bücher und Partituren Daten sind. Aber Gemälde oder aufgeführte Musikstücke zählen demnach nicht dazu
Oder: Digitale Medien, allen voran die Schrift, ermöglichen erst die Existenz von Daten. Denn erst die Schrift ermöglicht überhaupt eine Unterscheidung zwischen Zeicheninhalt und Zeichenkörper und ist somit notwendige Bedingung zur Unterscheidung von Syntax und Semantik. 

Text : Textur = Information : Daten

Diese - zugegebenermaßen rudimentär dargelegte - Sicht auf Daten unterschlägt vollständig die Koppelung von Daten an eine Bedeutung, an den Gebrauch, den wir von ihnen machen. Diese Verbindung ist es, die Jakob im zweiten Teilsatz seiner Definition anspricht, denn Daten entstehen ja für bestimmte Zwecke und somit nicht im bedeutungsleeren Raum. Im Folgenden versuche ich, diese Bedeutungsdimension mit ins Spiel zu bringen, ohne die dargelegte syntaxzentrierte Sicht aufzuweichen.

Ich denke, Daten und Information lassen sich mit Gewinn in Analogie zu Christian Stetters Unterscheidung von Text und Textur (im Sinne von Oberflächenbeschaffenheit) differenzieren. [2] Stetter schreibt in "Schrift und Sprache" auf S. 294:
"Text ist dasjenige, was geschrieben und verstanden wird, die Textur das, was geschrieben ist und gelesen wird." 
Und weiter heißt es: "Zwar verstehen wir 'normalerweise' unter Lesen einen Vorgang, der das Verstehen des Gelesenen impliziert, aber man kann durchaus etwas lesen, ohne es zu verstehen." Und ist es nicht genau das, was Computer machen: lesen ohne zu verstehen, über der Textur operieren, ohne den Text, die Semantik auch nur zu berühren? [3]

Hier mein Versuch, Daten und Information analog zu Text und Textur zu unterscheiden:
Information ist, was gespeichert und aufgenommen wird, Daten, was gespeichert ist und ausgelesen wird.
"Aufnehmen" hier im Sinne von "erfassen" oder "einordnen" stellt eine genuin menschliche Handlung dar. Speichern geschieht auf Trägermedien (Festplatte, Papier) und Auslesen mittels Maschinen bzw. auch durch Menschen, die "etwas lesen, ohne es zu verstehen."

Um auf Jakobs Definition zurückzukommen; diese würde dementsprechend etwa folgendermaßen umformuliert werden:
"Daten: Syntaktisch geordnete Mengen von Token, in denen Information gespeichert ist"

Digitalität und Information

So betrachtet basieren Daten auf Information, sie sind Ergebnis der Speicherung von Information in digitalen Medien. Damit ist für den Informationsbegriff freilich wenig gewonnen. Denn Information ist nicht auf das beschränkt, was in einem digitalen Medium gespeichert wird. Gemälde, Piktogramme, die Wahrnehmung oder selbst die gesprochene Sprache können nach allgemeiner Auffassung auch Information beinhalten, dies gilt nicht nur für digitale Medien wie Bits und Bytes, die Schrift oder Notationssysteme.


[1] So wie mich auch der Wissens- und der Informationsbegriff nicht loslassen.

[2] So wie ich ganz allgemein denke, dass die Arbeiten von Stetter mit großem Gewinn für Überlegungen zur Zukunft der Wissenschaften, der Bibliotheken und des Internet gelesen werden können. Der Aachener Linguistik-Professor Christian Stetter, bei dem ich in meinem Erststudium viel studiert habe, ist nicht nur eine Kapazität was Schriftphilosophie und die Grundlagen der Linguistik angeht, sondern übrigens auch einer der Gründer und Geschäftsführer von semantics, die mit der Visual Library Software für die die Erschließung von Digitalisaten und deren Präsentation im Internet anbieten. Verschiedene Projekte nutzen diese Software, z.B die Digitalisierungsprojekte an der Universität Halle. Kay Heiligenhaus, ebenfalls ein ehemaliger Student Stetters und Mitbegründer von semantics, ist wohl eher für das operative Geschäft zuständig. Er beteiligt sich desöfteren an Diskussionen auf Inetbib und hat einen meiner Inetbib-Favorites geschrieben.

[3] Aus diesem Grund ist auch der Ausdruck "Semantic Web" so irreführend, denn auch im Semantic Web "verstehen" Maschinen nichts.

2009-09-02

Wann ist Digitalität?

Das digitale Zeitalter bzw. "digital age" ist spätestens seit den 90er Jahren in aller Munde. Diese Ausdrücke sind offensichtlich gängige Etiketten für die Bezeichnung des Wandels unserer Gesellschaft zur Wissensgesellschaft, für die Verbreitung von Computer und Internet.

Diese Sprachpraxis zeigt, dass Digitalität meist an die elektronische Übertragbarkeit von Signalen gekoppelt wird. Ein Blick in die englischsprachige Wikipedia genügt indes, um darauf hingewiesen zu werden, dass digitale Medien [1] schon seit Jahrtausenden existieren. Eines der ältesten Beispiele für ein digitales - in diesem Fall sogar binäres - Medium dürfte das Leuchtfeuer sein, welches zwei unterschiedliche Zustände zur Verfügung stellt, um Information zu transportieren: es brennt oder es brennt nicht, an & aus.

Man könnte also behaupten, das digitale Zeitalter habe bereits vor tausenden von Jahren begonnen und die gängige Verwendung des Ausdrucks sei somit unpassend und irreführend. Unpassend und irreführend: ja. Allerdings würde ich jedoch den Beginn der digitalen Ära etwas später ansetzen, frühestens mit der Erfindung der Hieroglyphen um 3000 oder der Alphabetschrift um etwa 1500 bis 800 vor unserer Zeitrechnung. Erst hier hat sich die Praxis etabliert, komplexe Sachverhalte mittels eines Codes, d.h. eines beschränkten Inventars von Zeichen, zu kommunizieren.

Digitalität basiert auf Code

Und es ist der Code, an dessen Verwendung die Existenz von digitalen Medien notwendigerweise gebunden ist. Ein Code ist eine endliche Menge klar unterschiedener Typen. Der Code "Alphabet" zum Beispiel besteht aus 26 Buchstabentypen. Typen sind Klassen, abstrakte Entitäten. Schließlich würde niemand behaupten, er habe den Buchstaben 'A' gesehen, denn: Das 'A' gibt es nicht, ich sehe immer nur ein bestimmtes 'A'. Die einzelnen sichtbaren Erscheinungsweisen (die Token) eines Buchstaben sind äquivalent, untereinander austauschbar. Dies zeigt sich etwa darin, dass wir unzählige verschiedene Schriftarten haben, die sich miteinander kombinieren lassen und dennoch das Geschriebene nicht unleserlich machen.

Ein Code ist nie - wie Derrida schreibt - „strukturell geheim“. Selbst, wenn ich eine Schriftsprache nicht verstehe, kann ich den dahinterliegenden Code (das Alphabet) herausfinden und ihn wiedergeben. Bei der gesprochenen Sprache hingegen existiert ein solcher Code nicht, sie ist analog. Die Struktur einer oralen Sprache herausfinden heißt, diese Sprache verstehen. Ohne jedes Verstehen des Geäußerten sind die wahrgenommenen Laute nur Geräusch.

Digitales Zeitalter vs. Bitzeitalter

Was soll das Ganze hier? Texte sind digital, das Internet ist digital, wollen wir sie verstehen, müssen wir die Digitalität verstehen. Auch müssen wir Schrift und Computer(programm) unterscheiden können, um die Revolution, den Wandel verstehen zu können, den Computer und Internet mit sich bringen. In einem früheren Beitrag habe ich schon ein Phänomen beleuchtet, wo (Autoren-)Probleme dem Computer oder Internet zugeschrieben wurden, die sich letztlich auf die ursprünglichere Digitalität der Schrift gründen. Gerade mit der Entfaltung des Bitzeitalters (wie ich es jetzt mal nenne) ist meines Erachtens eine differenzierte Betrachtung angebracht, will man die Ursachen und Zusammenhänge bestimmter Phänomene und Probleme ergründen.

Was macht nun das Bitzeitalter aus? Was sind seine Eigentümlichkeiten? Welche zusätzlichen Features (und Bugs) bringt es mit sich?
Der Binärcode ist Resultat maximaler Reduktion - er besteht nur aus zwei Typen: ja/nein, an/aus. Elektronische Speicherung und Übertragung machen nun auch die Token nahezu körperlos, so dass Informationen
sich problemlos und massenhaft kopieren und transportieren lassen und überall und jederzeit abrufbar sind. Dennoch können die Tokens wiederum nicht ohne körperliche Trägermedien existieren. Zudem ist für Menschen der Binärcode selbst nicht lesbar und somit untrennbar an Hard- und Software gebunden, die ihn lesbar machen. Hieraus ergeben sich dann etwa die Probleme der digitalen Langzeitarchivierung.

Welche weiteren Möglichkeiten und Probleme bringt das Bitzeitalter mit sich? Was sind die Eigentümlichkeiten von Programmcode, Hypertext und XML? Ich bin sicher, dass ich auf diese und andere Fragen zurückkommen werde. Zunächst bin ich aber mit diesen zwar grundlegenden aber nicht
tiefgehenden, weil knappen Ausführungen am Ende angelangt.

[1] Im Unterschied zur gängigen Verwendung des Ausdrucks 'Medium' für körperliche Kommunikationsmittel (Fernsehen, Radio, Buch, Zeitung etc.) gebrauche ich einen weiten Medienbegriff, der auch Schrift, orale Sprache, Malerei usw. umfasst.

Quellen:
Mein Verständnis des Digitalen speist sich aus den Texten "Sprachen der Kunst" (hier: Kapitel IV) und "Revisionen" (hier: Kapitel VIII) von Nelson Goodman, der die Digitalität akribisch mithilfe logischer Terminologie definiert. Der Text "Signatur. Ereignis. Kontext" (u.a. hier (S.68-109) erschienen) von Jacques Derrida ist auch sehr aufschlussreich.

2009-07-16

Rettet das Urheberrecht, verbietet die Schrift!

Dieses ganze Geblubber von Leuten wie Roland Reuß und auch Volker Rieble gestern wieder auf einer Anti-Google- und Anti-Open-Access-Veranstaltung mit dem Titel "Autorschaft als Werkherrschaft in digitaler Zeit" im Frankfurter Literaturhaus, lässt einen nur ratlos mit der Schulter zucken.
Reuß und Rieble sehen sich offensichtlich als hochgeistige Menschen an, deren Schriftprodukte deswegen auch nur von einem erlauchten Kreis ebenso "intellektueller" Personen gelesen werden sollten. Alles andere würde ihre Werke entwerten. Deshalb müsse ein Autor derartige Kontrolle über sein Werk haben, dass er die Kontexte bestimmen kann, in denen das Werk präsentiert wird.
Zum Hintergrund meiner Interpretation hier einige Originalquellen und Paraphrasen entsprechender Aussagen von Reuß und Rieble.

Am 25.4.2009
schreibt Reuß in der FAZ:
Niemand kann ihm [dem Wissenschaftler, AP] vorschreiben, in welchem Kontext sein Werk erscheint - oder gar diesen Kontext durch das unerlaubte Hochladen einer Arbeit auf irgendeinen Server bestimmen.
Wolfgang Tischer paraphrasiert Reuß' gestrige Ausagen zum Thema wie folgt:
Open Access berge laut Reuß die Gefahr, dass das Werk in einer Art und in einem Umfeld präsentiert werden könnte, wie es der Urheber niemals intendiert habe.
Thierry Chervel fasst Volker Riebles "Gedanken" zusammen:

Er [Volker Rieble] sah sich zum Beispiel als Teil einer Elite und möchte bestimmte seiner Werke nicht ohne seine Zustimmung einem von ihm als unqualifiziert angesehenen Netzpublikum zugeführt sehen.
Passenderweise fügt Thierry Chervel hinzu: "Bei späterer Gelegenheit wird er sicherlich erklären, wie er den Zugang zu Bibliotheken zu regulieren gedenkt." An diesen Gedanken möchte ich anknüpfen und ihn weiterführen. Mich erinnert das Ganze nämlich doch sehr an die einschlägige Schriftkritik in Platons Dialog "Phaidros" (275d), wo es heißt:

Ist sie aber einmal geschrieben, so schweift auch überall jede Rede gleichermaßen unter denen umher, die sie verstehen, und unter denen, für die sie nicht gehört, und versteht nicht, zu wem sie reden soll, und zu wem nicht. Und wird sie beleidiget oder unverdienterweise beschimpft, so bedarf sie immer ihres Vaters Hülfe; denn selbst ist sie weder sich zu schützen noch zu helfen im Stande.
(Übersetzung von Friedrich Schleiermacher, siehe auch den Phaidros im Projekt Gutenberg.)

Die Ansichten Reuß', die Andrea Diener unter dem Schlagwort "Texturheberschaft als Mutterschaft" zusammenfasst, passen doch vorzüglich in diese Weltsicht. Es ist eben die Schrift - und nicht das Internet -, die den Vätern und Müttern die Kontrolle über ihre geistigen Kinder schon lange entzogen hat. Vielleicht sollten Reuß und Co. also mal ihren Gedanken zuendeführen und den radikalen Schluss ziehen: Rettet das Urheberrecht, verbietet die Schrift! Dann würde wenigstens jeder auf Anhieb merken, was da für ein Unsinn geredet wird.