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2010-05-30

Fachkommunizieren - aber wie?

Seit Christian Hauschke vor einiger Zeit auf Infobib einen Beitrag zur bibliothekarischen Fachkommunikation veröffentlichte, wird in den Kommentaren und auch im Netbib-Blog von vielen Leuten fleißig diskutiert. In der Diskussion geht es um verschiedene Aspekte der Fachkommunikation, vor allem aber um die Frage:

Wie bekommen wir die Offliner dazu, an der bibliothekarischen Online-Diskussion (in Blogs etc.) teilzunehmen bzw. sie überhaupt erst wahrzunehmen?

Für die, die nicht alles lesen wollen, hat Lambert Heller in einem Kommentar mal die im Hinblick auf diese Frage genannten wichtigsten möglichen Aufgaben und Handlungsbereiche zusammengefasst. Ich stelle diese Ansätze hier nochmals verkürzt dar:
  1. Interessante Online-Texte in die bibliothekarischen Printmedien tragen, um die Online-Welt sichtbarer zu machen und neue Besucher und Mitdiskutierer zu locken.
  2. Online-Artikel (als RSS-Feed) aggregieren, um so einen schnelleren Überblick über die bibliotheksrelevanten Online-Publikationen zu ermöglichen.
  3. Aufbau eines "Overlay-Journals", in dem interessante Veröffentlichungen zu bestimmten Themen ausgesucht und gesammelt werden. Diese Vorauswahl soll den Online-Faulen den Zugriff auf relevante Web-Publikationen erleichtern. Dass ein Overlay-Journal auch gedruckt erscheinen sollte, wird in der Diskussion allerdings von vielen abgelehnt.
Zwar ging die Diskussion hauptsächlich um die oben genannte Frage, allerdings war diese nicht das einzige Thema. Christian Hauschke etwa hatte schon in dem Blogbeitrag, der die ganze Diskussion auslöste, ein grundlegendes Problem beschrieben:
"Egal, wie kommuniziert wird, es sollte diskutiert und nicht nur verkündet werden. Festzustellen ist dazu, dass zu wenig und fast ausschließlich ritualisiert kommuniziert wird. Projektberichte sind ... meist offene Briefe an die Projektgeber ohne größeren Mehrwert für die Fachöffentlichkeit. Die Bibliothekswesen haben immer noch keinen Blog auf offene Kommunikation."
 Wann ist Fachkommunikation?

Ich verfolge diese Diskussion, weil auch ich mir eine Fachkommunikation über alle Aspekte der Bibliotheksarbeit wünsche, die den gemeinsamen Lern- und Bildungsprozess bestmöglich vorantreibt und dafür sorgt, dass die Arbeit von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren, von Bibliotheken und Verbünden sich sehen lassen kann. [1] Ich möchte hier zunächst versuchen, das Ganze nochmal von der grundlegenden theoretischen Frage aufzurollen: Was macht überhaupt eine gute Fachkommunikation aus?

Auch ich beschränke mich hier - wie die gesamte bisherige Diskussion - auf die öffentlich dokumentierte Kommunikation, d.h. auf veröffentlichte schriftliche Fachtexte. [2] Die mündliche Fachkommunikation wird hier also ausgeklammert, so interessant und relevant sie auch ist. [3]

Ich sehe zwei notwendige Bedingungen erfolgreicher schriftlicher Fachkommunikation:
  1. Zugang zur Fachliteratur
  2. Kritischer Anschluss an bestehende Texte
Zugang

Damit Fachkommunikation stattfinden kann, müssen alle an ihr Beteiligten Zugriff auf die Fachveröffentlichungen haben. (Ich hatte diese Notwendigkeit auch mal in einen Aphorismus gefasst.) Um diesen Zugriff zu garantieren, sollte es keine Preisbarrieren oder technischen Schranken geben, die einen Zugriff durch Interessierte erschweren oder gar verunmöglichen. Kurz: Fachtexte sollten Open Access publiziert werden. Der Ruf nach Open Access ist nichts Neues und wurde auch von verschiedenen Personen in der Diskussion getätigt, weshalb ich das Thema hier nicht weiter auswalzen möchte.

Wichtig ist hier zu erwähnen, dass der Zugang über einen langen Zeitraum hinweg ermöglicht werden muss, denn Fachkommunikation findet u.U. über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte statt. Der Erfolg und Misserfolg onlinebasierter Fachkommunikation ist naturgemäß stark an die Frage nach funktionierenden Mechanismen der Langzeitarchivierung gekoppelt.

Es bleibt nur zu fordern: Öffnet die Postillen und macht sie zu Publikationen, die wirklich frei öffentlich zugänglich sind und zwar für alle und nicht nur für jene, die das nötige Geld oder einen Bibliotheksausweis haben!

Kritischer Anschluss

Ein wesentlicher Bestandteil von Fachkommunikation ist der kritische Anschluss an bestehende Texte. [4] Dies schließt unter anderen folgende Handlungen ein: gründliches Lesen, um einen Text hinreichend zu verstehen; Kommentieren, um die eigene Perspektive ins Spiel zu bringen; Paraphrasieren, um zu zeigen, ob und wie man etwas verstanden hat; Kritisieren, indem man Widersprüche aufweist und Unterscheidungen als nutz-, sinnlos oder diskriminierend herausstellt; zustimmend Verweisen und zusammenfassen, um an bestehende Texte anzuknüpfen und und und.

Was Fachkommunikation nicht ist: ein bloßes Verkünden und Anpreisen der eigenen Erfahrungen, Produkte und Projekte, möglichst allgemein gehalten, um keine Reibungsfläche für kritische Anknüpfungen zu bieten; oder das Zitieren aus anderen Texten, ohne diese gründlich gelesen zu haben. Fachkommunikation heißt auch nicht rechthaberisch oder verächtlich auf andere Texte zu reagieren, sondern den Mitdiskutanten den nötigen Respekt zu zollen.

Es folgt das Desideratum: Knüpft kritisch an Fachtexte an, seien dies Zeitschriftenartikel, Bücher, Blogposts, Mailinglistenbeiträge etc.

Anforderungen an Zeitschriften

Jakob Voß hat im Laufe der Diskussion fünf Forderungen für Fachzeitschriften aufgestellt, die Christian Hauschke um eine weitere wichtige Forderung ergänzte. Ich gebe diese sechs Forderungen hier wieder, weil auch ich sie in diesem Zusammenhang für wesentlich halte und uneingeschränkt unterstütze:
  1. Open Access (d.h. bei gedruckten Artikeln, dass sie zeitgleich online verfügbar sein müssen)
  2. Verlinkbarkeit einzelner Artikel
  3. Archivierung in einem Repository.
  4. RSS-Feed über die einzelnen Artikel und Ausgaben und
  5. Kommentarfunktion (bei Bedarf moderiert).
  6. Möglichst (auch) als HTML veröffentlicht.
Der zweite Punkt - die Forderung nach Verlinkbarkeit - ist in diesem Zusammenhang hervorzuheben, weil Verlinkbarkeit und damit Adressierbarkeit eben notwendige Bedingung ist, um explizit an einen Text anzuknüpfen. Würden sich sämtliche bibliothekarische Fachpublikationen an diese sechs Regeln halten, so hätten wir für die Fachkommunikation zumindest schon mal eine optimale Infrastruktur, die die Forderungen nach Open Access und dauerhafter Anschließbarkeit erfüllt.
Zwar ist die funktionierende technische Infrastruktur notwendige Bedingung von Fachkommunikation, viel wichtiger aber ist eine "Kultur des kritischen Anschlusses". So wie ich das bisher wahrgenommen habe, stehen viele bibliothekatrische "Fach"-Texte nur für sich allein da (sie "verkünden") und beziehen sich allenfalls oberflächlich auf andere Texte. So etwas ist eher als Simulation von Fachkommunikation zu bezeichnen, als dass wirklich fachkommuniziert wird.

Dass eine fruchtbare Kommunikationskultur entsteht, gefördert und gepflegt wird, dafür muss letztlich jede Profession selbst sorgen...


[1] Im Übrigen finde ich es sehr interessant, dass auf einmal in bibliothekarischen Kreisen über Fachkommunikation gesprochen wird, sobald es um das eigene Fach geht. Ansonsten wird ja eher über Fachinformation gesprochen, die (z.B. in Fachzeitschriften) einfach vorhanden ist und nur gesammelt, erschlossen und zugänglich gemacht werden muss. Zur - hier nicht thematisierten - Rolle der Bibliothek als Ermöglicherin von Kommunikation hoffentlich irgendwann mehr...

[2] Ein Fachtext wird nicht durch seinen Publikationsort definiert, d.h. ein Text wird nicht dadurch zum Fachtext, weil er in einer "Fach"zeitschrift erscheint (und in der Tat gibt es in solchen Zeitschriften viele Texte, die ich nicht als Fachtexte bezeichnen würde). Meines Erachtens definiert sich ein Fachtext über seinen Inhalt und seine Form sowie über seine öffentliche Zugänglichkeit und Adressierbarkeit. Es gibt eine Menge Blog- wie Mailinglistenbeiträge, die ich als Fachtexte klassifizieren würde.

[3] Ich möchte nur einmal ausdrücklich das BibCamp loben, dass - im Vergleich zu den klassisch durchorganisierten formellen Tagungen mit ihren so langen wie langweiligen Frontalveranstaltungen - in meinen Augen eine ideale informelle Plattform für eine spannende und fruchtbare mündliche Fachkommunikation darstellt. Am Beispiel des BibCamps müssen sich andere Versuche organisierter persönlicher Fachkommunikation messen lassen.

[4] Da es sich um Fachkommunikation handelt, sollten diese Anschlüsse natürlich durch entsprechende Verweise explizit gemacht werden, was ja online der Hyperlink erleichtert, während man offline noch die gute alte Fußnote setzen muss. Und damit diese Links auch in Zukunft verfolgt werden können, ist es wichtig, dass die Adressen der referenzierten Texte stabil sind.

2010-04-30

Datendefinition die Dritte

Dann antworte ich endlich mal auf Jakobs Replik. Erstmal schönen Dank für diese schnelle Antwort, die vielen Verweise und Informationen.

Der Absatz "Daten als Strukturen" in Jakobs Text scheint mir ganz gut das wiederzugeben, was mir in dieser Diskussion wichtig ist und er zeigt, dass wir womöglich wirklich gar nicht so weit auseinanderliegen. In dieser Diskussion geht es ja wohlgemerkt nicht um unseren alltäglichen Gebrauch des Ausdrucks 'Daten', sondern darum, ein theoretisches Konzept in Abgrenzung etwa zum Informationsbegriff zu fassen. [1] Ich gehe hier nun eher indirekt auf Jakobs Replik ein, indem ich versuche, meine Grundgedanken klarer zu fassen.

Daten: Speicherbar und allographisch

Zwei grundlegende Eigenschaften von Daten, die es Wert sind hervorgehoben zu werden, sind:
  1. Daten können gespeichert werden, d.h. sie existieren in einem persistenten Medium.
  2. Daten können kopiert, vervielfältigt werden, wobei sich "Original" und Kopien nicht voneinander unterscheiden. Diese Eigenschaft wird von Nelson Goodman in Sprachen der Kunst als allographisch - im Unterschied zu autographisch - bezeichnet. [2]
Wenn wir übereinstimmen, dass dies notwendige Bedingungen von Daten sind, ergibt sich schon eine Menge daraus. Mit dem ersten Punkt werden etwa die orale Sprache oder die vorgetragene Musik als Träger von Daten ausgeschlossen, denn es handelt sich bei beiden um vorübergehende, verschwindende Medien. Mit der zweiten Bedingung fallen auch Gemälde oder Schallplatten als Träger von Daten aus.
Der grundlegende Punkt, bei dem eher Differenzen entstehen können, ist folgender: Verstehen wir diese zwei Eigenschaften auch als hinreichende Bedingungen von Daten, so hat die An- oder Abwesenheit von Information keinen Einfluss auf ihren Status als Daten. Wir haben es folgerichtig mit Daten auch dann zu tun, wenn sie falsche oder gar keine Information speichern. [3]

Ich würde allerdings nicht behaupten, dass nicht speicher-bare oder nicht-allographische Medien wie die gesprochene Sprache oder die Malerei keine Information enthalten können, wie es Jakob mit der Aussage "Ohne Daten kann es keine Informationen geben" tut. Information kann es sehr wohl ohne Daten in dem hier verstandenen Sinn geben.

Daten-Business oder Content-Business?

Der Unterschied zwischen Daten als syntaktisch geordneter Menge und der Interpretation von Daten (die sicher auch "Information" ins Spiel bringt) wird vielleicht mit diesen zwei Beispielen klar:

1. Der Autor arbeitet auf der semantischen Ebene, er schreibt Worte, Texte. Der Drucker ist im Datengeschäft, er druckt Buchstaben, Wörter, die Textur, er druckt Bücher, Broschüren usw.

2. Solange ich mit dem Computer speichere, konvertiere, etwas in ein Diagramm überführe etc. operiere ich auf der Datenebene. Sobald ich anfange Dubletten zu bereinigen, Falschangaben zu korrigieren, Daten zu ergänzen bin ich auf der semantischen Ebene und befasse mich mit Zeichen (im Sinne eines "zweiseitigen" Zeichenbegriffes).

Beispiel RDF

RDF-Daten ist erstmal alles, was der abstrakten RDF-Syntax folgt, völlig unabhängig davon, dass die URIs womöglich auf irgendwelche realen Entitäten referenzieren und unabhängig davon, ob Literale als Text von Menschen gelesen werden können. 
Dass wir mit realen RDF-Daten etwas tun, sie zu bestimmten oder weniger bestimmten Zwecken erschaffen, sie gebrauchen ist natürlich klar. Diese Schnittstelle zwischen Daten, Syntax und Bedeutung scheint ja dein Dissertationsthema (oder nur ein Teil davon?) zu sein, Jakob. Da wird es sicher erst richtig spannend und zweifellos spielen Formate und Modelle hier eine große Rolle (und im Bereich Linked Data die Weltmodelle, die wir Ontologien nennen). Auf der Ebene der Daten wird aber eben von dieser Bedeutungsebene abstrahiert, folgt man den oben genannten zwei Bedingungen für Daten. Die Bedeutung eines Zeichens hingegen ist an seinen Gebrauch gekoppelt und somit eine Analyse der "Beziehung zwischen Daten, Wohlgeformtkeit [sic] und Bedeutung in der Praxis" an eine Untersuchung eben dieser Praktiken. Es müsste also geschaut werden, welche menschlichen Handlungen mit diesen Daten verbunden sind.

Vielen Dank an Felix, mit dem ich (wie sonst auch) viel über die Problematik diskutiert habe. Er hat zwar keine Tasten getippt und Daten produziert aber viel zum Verständnisfortschritt in dem Bereich beigetragen.


[1] Alltagssprachlich haben wir einen viel weiteren Datenbegriff als ich hier beschreibe. Wir reden zum Beispiel von "hochwertigen" und "schlechten" Daten und meinen meistens den Informationsgehalt.

[2] Vgl. Sprachen der Kunst, S. 113. Siehe auch eine alte Hausarbeit von mir, S.17. (Ich werde die bei Gelegenheit nochmal auf scribd hochladen, weil GRIN Geld für einen PDF-Download verlangt. Update: Habe dies nun hier getan.)

[3] Ein Beispiel mag hier erhellend sein: Man wusste zwar lange, dass die ägyptischen Hieroglyphen einst als Zeichen gebraucht wurden, also Bedeutung trugen, konnte aber zunächst nicht viel mehr als auf Datenebene mit ihnen operieren, d.h. den Zeichenvorrat, die Menge der Typen extrahieren, gewisse Regelmäßigkeiten erkennen etc. Erst der Stein von Rosetta ermöglichte es, sich auf die semantische Ebene der Hieroglyphen zu begeben.

    2010-04-19

    Wann sind Daten?

    Jakob Voß hat eine sehr schöne, dichte Präsentation mit dem Titel "Semantic Web und Linked Open Data. Eine Bibliothekarische Geschichte" auf Slideshare veröffentlicht. Bei Jakobs Vortrag wurde dem Auditorium sicher nicht langweilig. Das Reinschauen lohnt sich.
     
    Jakobs Datenbegriff

    Mich hat besonders Jakobs Definition von "Daten" (auf den Folien 5 und 9) zum Nachdenken gebracht:
    "Daten: Strukturen aus unterscheidbare[n] Zeichen, die aufgrund von Vereinbarungen Informationen darstellen"
    Da keine Referenz angegeben ist, denke ich dass diese Definition in dieser Form von Jakob selbst stammt. Da ich mich desöfteren frage, wie sich der Datenbegriff am besten fassen lässt [1], nehme ich das gerne zum Anlass, hier meinen Gedanken freien Lauf zu lassen.

    Offensichtlich benutzt Jakob hier "Zeichen" im Sinne von "Zeichenkörper", denn Information und damit bedeutungstragend werden die Zeichen ja erst "aufgrund von Vereinbarungen". Das lässt sich dann so umformulieren:
    • Daten sind Strukturen aus unterscheidbaren Zeichenkörpern, 
    • die "aufgrund von Vereinbarungen Informationen darstellen".
    Kritik

    Hier vier Aspekte der Definition, mit denen ich Probleme habe:
    1. Es ist nicht klar, worauf sich das Relativpronomen 'die' bezieht: auf 'Strukturen' oder auf 'Zeichen(körpern)'. 
    2. Der zweite Teilsatz ist mir einfach zu unklar. Mir erscheint der Informationsbegriff im Alltagsgebrauch klarer als in den Bibliotheks- und Informationswissenschaften (Zumindest kommt man im Alltag mit einem unklaren Konzept klar, während so etwas der wissenschaftlichen Arbeit nicht gut tut.) Aber auch, was sich hinter "Vereinbarungen" verbirgt, ist alles andere als klar.  
    3. Nach meinem Dafürhalten  - und darauf werde ich unten näher eingehen -,  stellen Daten keine Information dar, wenn sie auch gespeicherte Information sein mögen. Sprechen wir von Daten, so ist sozusagen die Bedeutung weggekürzt und wir befinden uns allein auf der syntaktischen Ebene. Folgerichtig würde ich den zweiten Spiegelstrich bei einer Definition von "Daten" erstmal einfach wegstreichen um der Sache näher zu kommen.   
    4. Mir scheint außerdem - aus Punkt drei folgend - der Ausdruck 'Zeichen'/'Zeichenkörper' hier nicht der passende zu sein. Ein Zeichenkörper ist die materielle Seite des Zeichens. Ein Zeichen hat Bedeutung, weshalb Buchstaben keine Zeichenkörper haben/sind, weil wir - in der Regel - nur Folgen von Buchstaben,nämlich Wörtern und Phrasen, Bedeutung zuweisen und nicht einzelnen Buchstaben. Buchstaben befinden sich eben auf der subsemantischen Ebene. Da ich aber denke, dass sich der Datenbegriff allein auf die syntaktische Ebene bezieht, sollte von den atomaren Einheiten der Syntax , sprich: Buchstaben und Zahlen oder im Bitzeitalter: Bits, gesprochen werden. Diese sind nun eben keine Zeichenkörper, sondern eher als Token oder Inskriptionen o.ä. zu bezeichnen.

    Ein rein syntaktischer Ansatz

    Daten sind für mich in erster Linie eine Menge unterschiedener und unterscheidbarer, syntaktisch strukturierter Token, die gespeichert sind und transportiert und kopiert werden können. Syntax in diesem Sinne setzt Digitalität (d.h. eine endliche Menge klar abgegrenzter Typen) voraus und damit ist Digitalität auch Voraussetzung für Daten. Es folgt, dass neben elektronisch vorliegenden Daten, Tabellen usw. auch geschriebene Bücher und Partituren Daten sind. Aber Gemälde oder aufgeführte Musikstücke zählen demnach nicht dazu
    Oder: Digitale Medien, allen voran die Schrift, ermöglichen erst die Existenz von Daten. Denn erst die Schrift ermöglicht überhaupt eine Unterscheidung zwischen Zeicheninhalt und Zeichenkörper und ist somit notwendige Bedingung zur Unterscheidung von Syntax und Semantik. 

    Text : Textur = Information : Daten

    Diese - zugegebenermaßen rudimentär dargelegte - Sicht auf Daten unterschlägt vollständig die Koppelung von Daten an eine Bedeutung, an den Gebrauch, den wir von ihnen machen. Diese Verbindung ist es, die Jakob im zweiten Teilsatz seiner Definition anspricht, denn Daten entstehen ja für bestimmte Zwecke und somit nicht im bedeutungsleeren Raum. Im Folgenden versuche ich, diese Bedeutungsdimension mit ins Spiel zu bringen, ohne die dargelegte syntaxzentrierte Sicht aufzuweichen.

    Ich denke, Daten und Information lassen sich mit Gewinn in Analogie zu Christian Stetters Unterscheidung von Text und Textur (im Sinne von Oberflächenbeschaffenheit) differenzieren. [2] Stetter schreibt in "Schrift und Sprache" auf S. 294:
    "Text ist dasjenige, was geschrieben und verstanden wird, die Textur das, was geschrieben ist und gelesen wird." 
    Und weiter heißt es: "Zwar verstehen wir 'normalerweise' unter Lesen einen Vorgang, der das Verstehen des Gelesenen impliziert, aber man kann durchaus etwas lesen, ohne es zu verstehen." Und ist es nicht genau das, was Computer machen: lesen ohne zu verstehen, über der Textur operieren, ohne den Text, die Semantik auch nur zu berühren? [3]

    Hier mein Versuch, Daten und Information analog zu Text und Textur zu unterscheiden:
    Information ist, was gespeichert und aufgenommen wird, Daten, was gespeichert ist und ausgelesen wird.
    "Aufnehmen" hier im Sinne von "erfassen" oder "einordnen" stellt eine genuin menschliche Handlung dar. Speichern geschieht auf Trägermedien (Festplatte, Papier) und Auslesen mittels Maschinen bzw. auch durch Menschen, die "etwas lesen, ohne es zu verstehen."

    Um auf Jakobs Definition zurückzukommen; diese würde dementsprechend etwa folgendermaßen umformuliert werden:
    "Daten: Syntaktisch geordnete Mengen von Token, in denen Information gespeichert ist"

    Digitalität und Information

    So betrachtet basieren Daten auf Information, sie sind Ergebnis der Speicherung von Information in digitalen Medien. Damit ist für den Informationsbegriff freilich wenig gewonnen. Denn Information ist nicht auf das beschränkt, was in einem digitalen Medium gespeichert wird. Gemälde, Piktogramme, die Wahrnehmung oder selbst die gesprochene Sprache können nach allgemeiner Auffassung auch Information beinhalten, dies gilt nicht nur für digitale Medien wie Bits und Bytes, die Schrift oder Notationssysteme.


    [1] So wie mich auch der Wissens- und der Informationsbegriff nicht loslassen.

    [2] So wie ich ganz allgemein denke, dass die Arbeiten von Stetter mit großem Gewinn für Überlegungen zur Zukunft der Wissenschaften, der Bibliotheken und des Internet gelesen werden können. Der Aachener Linguistik-Professor Christian Stetter, bei dem ich in meinem Erststudium viel studiert habe, ist nicht nur eine Kapazität was Schriftphilosophie und die Grundlagen der Linguistik angeht, sondern übrigens auch einer der Gründer und Geschäftsführer von semantics, die mit der Visual Library Software für die die Erschließung von Digitalisaten und deren Präsentation im Internet anbieten. Verschiedene Projekte nutzen diese Software, z.B die Digitalisierungsprojekte an der Universität Halle. Kay Heiligenhaus, ebenfalls ein ehemaliger Student Stetters und Mitbegründer von semantics, ist wohl eher für das operative Geschäft zuständig. Er beteiligt sich desöfteren an Diskussionen auf Inetbib und hat einen meiner Inetbib-Favorites geschrieben.

    [3] Aus diesem Grund ist auch der Ausdruck "Semantic Web" so irreführend, denn auch im Semantic Web "verstehen" Maschinen nichts.

    2010-01-07

    Kommunikation statt Information

    Der Ausdruck 'Information' ist im Bibliotheksbereich wie auch im allgemeinen Sprachgebrauch (wenn es etwa um das "Digitale Zeitalter" geht) allgegenwärtig. Auch in meinem Studium der Bibliotheks- und Informationswissenschaften taucht er häufig auf. Allein, reflektiert oder diskutiert worden ist er in diesem Rahmen überhaupt nicht. [1] Ein solcher Mangel an Reflexion in Kombination mit der verbreiteten Orientierungslosigkeit von BibliothekarInnen und Bibliotheken in der Fortentwicklung des Bitzeitalters hat mich zu der Auffassung gebracht, dass eine Selbstverortung des Bibliothekswesens dringend nötig ist. Ein Bewusstsein der eigenen Rolle und der damit verbundenen Aufgaben verlangt allerdings nach grundlegenden Fragen wie: Was tun wissenschaftliche Bibliotheken? [2] Was heißt überhaupt 'Wissenschaft' und was ist ihre gesellschaftliche Rolle? Welchen Status hat das Konzept 'Information' und wie fassen wir es auch und gerade in Abgrenzung zu 'Daten', 'Wissen', 'Kommunikation', 'Quelle', 'Text' oder gar 'Schrift'?

    Eine Frage Edward Corrados auf Twitter und die Antworten darauf (siehe meine Zusammenstellung rechts und die Tweet-Urls unten [3]) zeigten, dass auch interessierte und "informierte" BibliothekarInnen  keinen klaren Begriff von 'Information' in Abgrenzung zu 'Daten' und 'Wissen' haben, der für eine grundlegende Analyse taugt, die wiederum Ausgangspunkt für die Gestaltung des stattfindenen Wandels sein könnte. (Ich nehme mich von diesem Urteil nicht aus.) Vielleicht sollten wir einfach mit einer anderen Fragestellung beginnen...

    Was ist die Hauptaufgabe von Bibliotheken?

    Die landläufige Auffassung von der Kernaufgabe von Bibliotheken (wissenschaftlichen wie öffentlichen) lässt sich in etwa so zusammenfassen: Bibliotheken sammeln, erschließen und bewahren Informationen, die sich auf unterschiedlichen medialen Trägern befinden und machen diese den NutzerInnen mittels Retrievalangeboten auffindbar und über Ausleihe usw. zugänglich. Zurecht wird diese Auffassung zunehmend aufgrund ihrer Bestandszentrierung kritisiert, die einer Kunden- und Serviceorientierung zuwiderläuft.

    Plädoyer für einen Perspektivwechsel

    Ich plädiere für einen Perspektivwechsel in der Betrachtung der Rolle von wissenschaftlichen Bibliotheken: Weg von der Fixierung auf einen diffusen und fruchtlosen Informationsbegriff hin zu einer Analyse der kommunikativen Funktion von Bibliotheken. Dieses Plädoyer weist eine deutliche Parallele auf zur erwähnten Forderung nach mehr Nutzer- und Serviceorientierung statt der traditionellen Bestandsorientierung und liefert eine theoretische Unterfütterung dieser Forderung.

    Lasst uns also nicht von Information, vom Bestand der Bibliothek sprechen, sondern von ihrer Rolle als Ermöglicherin der Kommunikation zwischen WissenschaftlerInnen. Ich bin überzeugt, dass eine solche Betrachtung das Potential hat, die Entwicklung der wissenschaftlichen Bibliotheken im  Bitzeitalter nachhaltig zu beeinflussen. Als Nebenerscheinung wird ein solcher Ansatz die zahlreichen und gravierenden Unterschiede zwischen wissenschaftlichen und öffentlichen Bibliotheken hervortreten lassen, die ein informationszentrierter Ansatz eher verdeckt.

    Die Kommunikation in der Wissenschaft ist in den letzten Jahren zunehmend zu einem Thema wissenschaftlicher Betrachtung geworden, vor allem im angelsächsischen Raum. [4] In der Bibliothekswelt ist die Wichtigkeit dieser Untersuchungen für die eigene Arbeit weitestgehend unerkannt geblieben. [5] Dies ist umso erstaunlicher, wo wissenschaftliche Bibliotheken doch bisher konstitutive Bestandteile der wissenschaftlichen Kommunikationsinfrastruktur waren und damit ihre ganze Existenz auf das Engste an die wissenschaftliche Kommunikation gekoppelt war und ist.

    Agenda

    In den nächsten Monaten (leider muss ich ja in der nächsten Zeit auch noch "studieren", was momentan heißt vorgesetzte Aufgaben zum Wohlgefallen von DozentInnen in einem vorgegebenen Zeitrahmen zu erledigen) werde ich mich in einer Reihe von lose zusammenhängenden Beiträgen dem Thema "Kommunikation in der Wissenschaft und die Rolle wissenschaftlicher Bibliotheken" widmen. Zunächst werde ich versuchen, die - im 19. und 20. Jahrhundert verfestigte - Rolle wissenschaftlicher Bibliotheken in der Wissenschaftskommunikation zu fassen um anschließend die wichtigsten Entwicklungen und Einflüsse im Bitzeitalter zu identifizieren. Daran anschließend sollen schlussendlich Perspektiven und mögliche Strategien für wissenschaftliche Bibliotheken aufgezeigt werden. Da das Ganze hier in einem Blog und nicht in einer wissenschaftlichen (Print-)Zeitschrift geschieht, wird es naturgemäß eher ein Tasten, Fragen und Experimentieren mit dem Ziel, die wesentlichen Dimensionen einer nötigen Analyse herauszuarbeiten und in Beziehung zu setzen. Und natürlich hoffe ich auf fruchtbare Anmerkungen und Kritik von Seiten der Leserschaft...


    [1] Die Annahme, dass in einem Studium die Grundbegriffe der Zunft geklärt würden liegt doch nahe. In meinem (Erst-)Studium der Kommunikationswissenschaften gab es jedenfalls eine Vorlesung, die sich zwei Semester grundlegend mit Sprache und Kommunikation befasste.

    [2] Ich befasse mich hier ausschließlich mit wissenschaftlichen Bibliotheken und bin der Meinung, dass sich nur wenig aus einer Analyse wissenschaftlicher Bibliotheken auf öffentliche Bibliotheken direkt übertragen lässt. Viel mehr lässt sich wahrscheinlich aus den Unterschieden lernen. Ich bin der Auffassung, dass die Aufgaben von wissenschaftlichen und öffentlichen Bibliotheken - gerade wenn man sie aus dem Blickwinkel ihrer kommunikativen Rolle betrachtet - sehr verschieden sind. Meines Erachtens sollte folgerichtig eine Trennung dieser beiden Bereiche im Studium erwägt werden.

    [3] Das komplette Twitter-Frage-Antwort-Spiel umfasste folgende Tweets (in chronologischer Reihenfolge):
    [4] Siehe meine Quellensammlung zum Thema unter http://www.bibsonomy.org/user/acka47/scholarly_communication.

    [5] Eine rühmliche Ausnahme im deutschsprachigen Raum ist ein Artikel von Rafael Ball mit dem Titel "Wissenschaftskommunikation im Wandel - Bibliotheken sind mitten drin". Auch